Kultur : Das Monster der Selbstentblößung

300 Jahre nach Jean-Jacques Rousseaus Geburt sind seine „Bekenntnisse“ lebendiger denn je.

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Der Namenspatron. Skulptur von JJR auf Rousseau Island am Zusammenfluss von Rhône und Genfer See. Foto: AFP
Der Namenspatron. Skulptur von JJR auf Rousseau Island am Zusammenfluss von Rhône und Genfer See. Foto: AFPFoto: AFP

Auch gebildeten Leuten kann es passieren, dass ihnen nicht gleich einfällt, wie Voltaire eigentlich mit Vornamen hieß. Bei Rousseau ist das unvorstellbar. Er ist „der einzige unter den großen Autoren“, schrieb Hannah Arendt, „der häufig nur bei seinem Vornamen zitiert wird.“ Während Voltaire unter seiner gepuderten Perücke als Verteidiger der menschlichen Vernunft agiert, tritt Jean-Jacques unter seiner pelzernen Mütze als Verkünder des menschlichen Herzens auf. Voltaire ist einer der großen Weisen, Jean-Jacques einer der großen Wilden der Aufklärung. Der Weise nannte den Wilden ein „kleines Monster“ und sagte voraus, die Werke dieses Monsters würden rasch der Vergessenheit anheimfallen. Der Wilde machte dem Weisen in einem Brief eine Hasserklärung und vertraute auf seinen Nachruhm. Der Wilde behielt recht.

Rousseaus Ideen sind bis heute provozierend lebendig, während François Marie vielen nur noch bekannt ist als jener Philosoph, der nicht mehr nach Friedrichs Flöte tanzen wollte und aus Sanssouci davonlief.

Auch gebildeten Leuten kann es passieren, dass ihnen nicht gleich einfällt, was Voltaire außer dem „Candide“ eigentlich sonst noch geschrieben hat. Bei Jean-Jacques ist das unvorstellbar. Wer in der Schule nur einigermaßen aufgepasst hat, kann mindestens drei Titel hersagen: „Emile oder Über die Erziehung“, „Der Gesellschaftsvertrag“ und „Die Bekenntnisse“. Das dritte dieser Bücher wurde erst 1782, vier Jahre nach dem Tod Rousseaus gedruckt. Zusammen mit den ebenfalls 1782 erstmals veröffentlichten Dialogen „Rousseau richtet über Jean-Jacques“ haben „Die Bekenntnisse“ aus Rousseau jenen „großen Autor“ gemacht, „der häufig nur bei seinem Vornamen zitiert wird.“ Rousseau wurde Jean-Jacques, indem er über sich selber schreibend „der erste bewusste Entdecker und gewissermaßen auch Theoretiker des Intimen“ wurde, um noch einmal Hannah Arendt zu zitieren.

Allerdings ist das Intime einschließlich dessen, was wir gewohnheitsmäßig für das Innerste unserer Subjektivität halten, kein Raum, der uns selbst ohne Weiteres offen stünde. Man kann mir nichts dir nichts in sein Badezimmer treten, aber nicht ins eigene Ich. Gerade deshalb eröffnet Rousseau „Die Bekenntnisse“ mit einer Selbst-Behauptung, hinter deren Anmaßung die Selbstzweifel zu spüren sind: „Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein.“

Aber nicht nur seinesgleichen, also uns, seinen Lesern, bietet er sich dar. Vor Gott selbst baut er sich auf am Tag des Jüngsten Gerichts, „mit diesem Buch in der Hand“, wie er schreibt, und den Groll im Herzen, wie sich hinzufügen ließe. „Ich habe mein Inneres entblößt, so wie du selbst es gesehen hast. Ewiges Wesen, versammle um mich die unzählbare Schar meiner Mitmenschen; sie sollen meine Bekenntnisse hören.“ Welch eine Zumutung: Sogar am Jüngsten Tag dreht sich für Rousseau alles um Jean-Jacques. Die Toten werden aus den Gräbern gerufen, damit sie seine Lebensbeichte hören.

Kein Autor hat sich so virtuos entblößt, nicht einmal Augustinus, auf dessen „Confessiones“ sich „Die Bekenntnisse“ schon im Titel beziehen. Augustinus ist der Kirchenvater der mittelalterlichen Religiosität, Rousseau der Kirchenvater der modernen Subjektivität. Beide waren fanatisch, rücksichtslos und radikal. Beide gehen in ihren Schriften an die Wurzeln – und den Lesern auf die Nerven. Der Enzyklopädist D’Alembert hat einmal über Rousseau bemerkt, er sei selten überzeugend, aber immer aufregend. Das ist bis heute so geblieben. Im Vergleich dazu wirkt Voltaire mit all seiner Verstandesschärfe und seinem Pointenstolz wie eine altersschwache Ehrenbüste, von der der Gips rieselt.

Rousseaus Ego ist riesig. Doch je intensiver Rousseau sich mit Jean-Jacques beschäftigt, desto mehr löst sich dessen Besonderheit ins Allgemeine auf. Der Selbsterforscher sucht nach dem Ich und findet doch immer zu dem, was den Menschen gemeinsam ist, zu dem, was eben ihre „Naturwahrheit“ ausmacht. In „Rousseau richtet über Jean-Jacques“ nimmt diese Suche die Form eines Prozesses an.

Während die Bekenntnisse als Verteidigungschrift vor Gott als höchstem Richter fantasiert werden, führt nun der Autor selbst den Prozess, zugleich Ankläger und Angeklagter, Zeuge und Richter. Er nimmt sich vor, der Nachwelt „zu sagen, mit welchen Augen ich, wenn ich ein anderer gewesen wäre, einen solchen Menschen, wie ich bin, betrachtet hätte.“ Die Selbstbeobachtung zergliedert das beobachtete Selbst und löst dabei das beobachtende auf. Der introvierte Ich-Sager wird ganz exzentrisch vor lauter Selbsterfahrung und findet nur noch zu sich, wenn er so tut, als wäre er ein anderer.

Rousseaus letzte Schrift, die wunderschönen „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, setzt ein mit dem herzzerreißenden Satz: „So bin ich denn nun allein auf Erden, ohne Bruder, ohne Nächsten, ohne Freund, meiner eigenen Gesellschaft überlassen.“ Dann wird erneut die Frage nach dem Selbst gestellt: „Aber ich, losgelöst von ihnen und von allem, was bin ich selbst?“ Auch dies bleibt unbeantwortet. Doch ändert sich die Haltung des Fragenden. Während der typische Rousseau-Diskurs in einem aufgeregten bis verzweifelten Hin und Her zwischen Grundsatzfragen und Teilantworten besteht, kommt nun die Gelassenheit des Spaziergängers zur Geltung, der sich mehr für die Blumen am Wegrand interessiert als für den Dschungel des Ich.

Aber auch Selbstverleugnung setzt Ichbezug voraus; noch die Selbsttäuschung enthüllt etwas von der eigenen Wahrheit. „Ich hatte nie einen sonderlichen Hang zur Eigenliebe“, behauptet Rousseau in den „Träumereien“, und man schüttelt fassungslos den Kopf, „allein, diese erkünstelte Leidenschaft hatte sich bei mir im Umgang mit der Welt und hauptsächlich, seit ich Autor war, vermehrt.“ Da sind sie wieder, die Anderen, das Publikum, die öffentliche Meinung – und: Wir.

Das ewige Hin und Her zwischen dem Ich und den Anderen, zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen, zwischen dem Psychologischen und dem Anthropologischen, zwischen Natur und Kultur, zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Erlebnis und Erinnerung, zwischen Rousseau und Jean-Jacques ist der Grund für die Dynamik dieses Denkens, für die Eloquenz dieser Schriften und für die furchterregende Lebendigkeit, die von beidem nach zweieinhalb Jahrhunderten immer noch ausgeht.

Voltaire hatte recht: Rousseau ist ein „Monster“, aber kein kleines, sondern ein großes. Eines, das von Generation zu Generation über sich hinauswächst, weil jede dieser Generationen auf neue Weise nach dem Ich sucht, das Wir findet und sich im Man verliert.

Im Zeitalter der elektronischen Selbstvernetzung – manche mögen sagen: Selbstgleichschaltung – hat jeder jeden „auf dem Schirm“. Wir zeigen uns unseren Freunden, und die Schufa schaut zu. Wir breiten unsere Intimitäten aus, und die Profiler des Marketing konstruieren daraus eine Konsumentenidentität. Wir zelebrieren unser Ich, und je aufwendiger wir unsere Besonderheiten zur Schau stellen, desto mehr sehen sie aus wie die Besonderheiten aller anderen. Seine „Majestät das Ich“, wie Freud es spöttisch titulierte, ist ein Monarch ohne Untertanen. Es prunkt auf dem Thron seiner Selbstgefälligkeit und ist in Wahrheit nichts weiter als ein winziges Knötchen im Netz.

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