Kultur : Das Moor hat seine Schuldigkeit getan

Arno Schmidt, der große Experimentator, wäre heute 90 Jahre alt geworden. Eine Ausstellung im Literaturhaus Frankfurt zeigt den Schriftsteller als Fotografen

Tim Ackermann

Ein Feldweg, der sich im Nebel verliert, ist manchmal doch bloß eine feuchte Spur aus Lehm. So bescheiden zeigen sich Feldwege zumindest in Arno Schmidts Fotografien. Zum ersten Mal werden in einer Ausstellung Landschaftsaufnahmen des Schriftstellers aus Bargfeld präsentiert. Die Bilder strahlen eine ungewohnte Ruhe aus – in Schmidts Büchern wird hingegen der Feldweg zum belebten Ereignis: Stets ist er von tanzenden Elementargeistern oder von prophetisch ratternden Dreschmaschinen bevölkert.

Arno Schmidt ist mehr als nur eine der eigenwilligsten Figuren der deutschen Literatur. Von seinen Fans wird er fast religiös verehrt. Viele wiederum kennen ihn gar nicht. Seine Prosa setzt sich über Rechtschreibregeln hinweg: Gesprochene Sätze werden in Mundart notiert, Wortspiele laden – in Anlehnung an Freuds Theorie des Unterbewussten – die Landschaft sexuell auf.

Anerkennung für seine Arbeit erfuhr der 1914 in Hamburg geborene Schmidt erst am Ende seines Lebens: 1973 erhielt er den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Sechs Jahre später starb er an den Folgen eines Schlaganfalls. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden.

Weitgehend unbemerkt war bisher geblieben, dass der Schriftsteller während seiner Spaziergänge immer wieder Gebrauch von seiner Spiegelreflexkamera machte. Zu Lebzeiten hielt er die Schnappschüsse vor der Öffentlichkeit geheim. Über 2500 Dias archivierte er in Kartons. Die aktuelle Ausstellung – initiiert von der ArnoSchmidt-Stiftung in Bargfeld – zeigt eine Auswahl von gut 70 Fotos. Nachdem sie in Celle gezeigt wurden, sind die Bilder jetzt im Literaturhaus Frankfurt und später noch in Hamburg zu sehen. Zeitgleich hat die Stiftung einen großformatigen Fotoband herausgegeben, der im Suhrkamp Verlag erschienen ist.

Die Aufnahmen entstanden in der Lüneburger Heide – einer Region von der sich Schmidt schon nach Kriegsende angezogen fühlte. 1958 ließ er sich in Bargfeld nieder, einem 180-Seelen-Fleck nordöstlich von Celle. „Mond, Nebel & Regen erste Qualität; auch im Trinkwasser war, selbst mit dem bösesten Willen, kein Jauchegeschmack spürbar“, notierte er kurz vor dem Umzug. Die Landschaft wird zum Schauplatz seiner Romane. So spaziert in „KAFF auch Mare Crisium“ ein Pärchen aus Nordhorn durch die Heide: „,Mänsch iss dos lankweilich.‘ – (Dabei schtand sie neben einer Distel, so hoch wie 1 Frau.)“ Der Blick fällt auch auf die ansässige Bevölkerung: „Man lackiere 1 Gerät giftgrün & knallroth : dann wirz dem Deutschen Bauern heilich sein.“ Ein ambivalentes Verhältnis zum Landleben.

Das zeigen auch Schmidts Fotos: abgestorbene Bäume, öde Stoppelfelder, traurige Tümpel und schlammige, „panzersichere“ Moore. In den Bildern aus Bargfeld erscheint die Südheide als eine ungezähmte, triste Welt, geliebt und karg: Mal wird eine Wiese als Konstrukt aus diagonalen Linien und farbigen Vierecken inszeniert. Mal lässt eine Nahaufnahme des Waldbodens Pilze wie Augen erscheinen. Den Raum, den der Misanthrop der Natur lässt, entzieht er dem Menschen: Wenn Personen in Erscheinung treten, wirken sie meist deplatziert. Die Deutung der Fotos bleibt dem Besucher der Ausstellung selbst überlassen.

Denn das Literaturhaus Frankfurt lässt die Aufnahmen gänzlich unkommentiert. Auch die Rolle der Kamera für das literarische Werk des Bargfelders wird nicht thematisiert. Das ist unbegreiflich, denn die wichtigsten Gedanken des Autors zur Fotografie werden im Nachwort des Bildbands zumindest angerissen: Schmidts Prosa basiert auf einer eigenen Theorie der Erinnerung. „Immer erscheinen zunächst, zeitrafferisch, einzelne sehr helle Bilder (meine Kurzbezeichnung: ,Fotos‘)“, schreibt er in seinem poetologischen Essay „Berechnungen I“. Um diese herum würden sich „dann im weiteren Verlauf der ,Erinnerung‘ ergänzend erläuternde Kleinbruchstücke (,Texte‘) stellen“. Ein solches Gemisch aus „Foto-Text-Einheiten“ sei das Ergebnis jedes bewussten Erinnerungsversuchs. Das literarische Nachzeichnen dieses Prozesses soll die Illusion eigener Erinnerung bei den Lesern erzeugen.

Sicher, der eingefleischte Fan kann die Wechselbeziehung zwischen Fotos und Werk immer mitdenken. Doch es gibt auch Menschen diesseits des Mare Crisium. Die Ausstellung verpasst die großartige Möglichkeit, mit einem Dialog aus Bildern und Texten einen neuen Zugang zu Arno Schmidt zu eröffnen. Dabei hätte sich der Autor kaum daran gestört.

„Jegliche Theorie oder Hypothese, die das Werk weiter aufschließt“, schreibt er in seiner Karl-May-Studie „Sitara und der Weg dorthin“, sei bei einem toten Künstler „nicht nur erlaubt, sondern willkommen“.

So hatte das auch Janos Frecot gesehen: Der Kurator der Ausstellung und Herausgeber des Fotobands hätte schon im Titel des Buchs gerne ein Zitat verwendet. „Ursprünglich hatte ich auch vor, einige kurze Textstellen einzustreuen“, erzählt Frecot. Doch die Idee scheiterte am unerklärlichen Widerstand der Schmidt-Stiftung. „Wir wollen nicht, dass die Fotos als Illustrationen des literarischen Werks wahrgenommen werden“, erklärt deren geschäftsführender Vorstand Bernd Rauschenbach vehement. Die Aufnahmen sollten als eigenständige Kunstwerke wirken.

Ein verstiegener Wunsch. Denn dass ein paar von Schmidts Bildern künstlerische Qualitäten besitzen, ist das Ergebnis aus Zufall und jahrelanger Übung. Ein Fotograf war der Mann aus Bargfeld jedoch nie.

„Arno Schmidt: Vier mal vier. Fotografien aus Bargfeld“: Ab morgen bis zum 29. Februar im Literaturhaus Frankfurt. „Arno Schmidt: Vier mal vier“, Suhrkamp Verlag, 135 Seiten, 49,90 €.

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