Kultur : Das Musenwunder

Die Impressionisten und ihre Modelle: Bremen feiert Monet und „Camille“

Nicola Kuhn

Eine Schönheit war sie nicht gerade: die Augen durch große Ringe verhangen, die Mundwinkel nach unten gezogen, ein dunkler, depressiver Typ. Und doch ist die stille junge Frau eine wichtige Figur der Kunstgeschichte. Keine andere Person malte Claude Monet (1840–1926) so häufig wie sie. Im Kunstbetrieb fand die kühle Brünette allerdings bislang kaum Beachtung, denn der Impressionist Monet, der Maler der Seerosen-Bilder, gilt vornehmlich als Landschaftskünstler, nicht als Porträtist. Auch währte die Beziehung von Monet und seinem bevorzugten Modell genau jene Phase, bis dem Maler endgültig der Durchbruch gelang. Die großen Erfolge sollte Camille-Léonie Doncieux nicht mehr erleben: Monets erste Muse, seine spätere Ehefrau, starb 1879 wenige Monate nach der Geburt ihres zweiten Sohnes mit gerade einmal 32 Jahren.

In Bremen hat man immer um die Bedeutung der Camille gewusst, wie sie hier vertraulich genannt wird. „Camille“ lautet der knappe Titel des 231 mal 151 Zentimeter großen Frauenporträts, das 1906, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, durch den Ankauf des ersten Kunstvereinsdirektors Gustav Pauli in die Kunsthalle kam. Das war fünf Jahre, bevor in Bremen die Fetzen flogen, der berühmte Künstlerstreit vom Zaune brach, weil Pauli vornehmlich französische Künstler und nicht deutsche für die Sammlung erwarb. Beim Kauf der „Camille“ für 50000 Reichsmark bekam er die zunehmend feindliche Stimmung bereits zu spüren; schließlich kosteten zwei Häuser in bester Lage ungefähr den gleichen Preis.

Bremen und die spröde Malergefährtin haben also bereits eine gemeinsame Geschichte. Mit der großen Ausstellung „Monet und Camille, Frauenporträts im Impressionismus“ soll sie fortgeschrieben werden, in Anknüpfung an den Erfolg derVan-Gogh-Schau vorzwei Jahren mit 320000 Besuchern. Diese Traumzahl wird man wohl nicht mehr erreichen; 150000 wären schon ein Triumph.

Monet malte das Bremer Bild mit wunderbarer Delikatesse: der dichte Faltenwurf vom schweren Seidenatlas-Kleid, die Flauschigkeit der Pelzbesätze auf dem samtigen Paletot, der sinistre Farbdreiklang aus dunklem Grün, Schwarz und Braun. Nicht von ungefähr prägt sich das lebensgroße Porträt über seine Stofflichkeit ein. Der Maler zeigte zwar seine junge Geliebte, doch in erster Linie ging es ihm um ein Bild der modernen Pariserin in eleganter, vermutlich geliehener Robe.

Die Flüchtigkeit des Großstadtlebens fing Monet durch die eigenwillige Pose ein: Nur für einen Moment scheint die junge Frau in ihrer Bewegung innezuhalten; der Maler zeigt sie vor dunklem Hintergrund bereits halb abgewandt im Profil. Nachdenklich, die Augen niedergeschlagen, greift sie mit der Rechten zum Kinnband ihres Kapotthutes. Die Besonderheit dieses Bildentwurfs – das eigentlich nur dem Adel vorbehaltene Großporträt, zugleich die Übersetzung ins Allgemeine – fiel seinerzeit auch den Juroren des Herbstsalons auf, der Jahresschau der Pariser Künstler. Monet gewann einen Preis; der Zwanzigjährige wurde schlagartig bekannt. Ein Überraschungserfolg, könnte man meinen, zumal Monet das Bild in nur vier Tagen als Verlegenheitslösung schuf, da er mit dem eigentlich geplanten Bild „Das Frühstück im Grünen“ (als Antwort auf das berühmte Werk von Manet) nicht rechtzeitig fertig wurde.

Die Bremer Kunsthalle entwickelt aus dem vermeintlichen Zufallstreffer, da er heute zum Wertvollsten der Sammlung gehört, eine bemerkenswerte These und baut daraus eine Ausstellung, die eine Reise lohnt. In einer Art Gipfeltreffen der Malerfreundinnen sind neben der „Camille“ Manets „Junge Frau“ aus dem New Yorker Metropolitan Museum, ebenfalls von 1866, und Renoirs „Lise“ von 1867 ausgestellt, die erstmals seit über 50 Jahren das Essener Folkwang- Museum verlassen darf. Auch die anderen beiden wurden im Salon eingereicht und sorgten für Furore. Mit Hilfe ihrer Geliebten testeten die jungen Maler die Grenzen der Porträtkunst aus. Das Genre galt aus akademischer Sicht als nachrangig. Monet & Co. aber entwickelten gerade daran ihre Programmatik.

„Malt nicht die Antike, sondern das moderne Leben“, hatte Baudelaire 1863 gefordert. Mit Camille, Lise in ihrem duftigen Musselinkleid und Renoirs junger Frau im Morgenrock probten die Nachwuchskünstler den Aufstand gegen das Regelwerk der Malerei und den guten Ton. Ihre Freundinnen verkörpern die modebewusste Städterin, nicht länger die repräsentative Dame von Stand. Anregungen zur Garderobe holten sich die Künstler aus Modejournalen und von Fotografien. Die Kunsthalle zeigt eine ganze Auswahl, dazu historische Kleider, denen die Modelle entsprungen scheinen.

Das bürgerliche Publikum reagierte begeistert, schon bald gingen erste Porträtaufträge ein. Das Missverständnis war vorprogrammiert, denn eigentlich ging es den jungen Künstlern gerade nicht um die Repräsentativität, sondern das moderne Lebensgefühl, die spürbare Sinnlichkeit der Textur, die bald schon mit der Bezeichnung „Impressionismus“ ihren Oberbegriff bekam. Die hohe Zeit der Salon-Maler brach an, Carolus-Duran mit seinen eleganten Damenbildnissen allen voran. Monet aber wandte sich mehr und mehr der Landschaftsmalerei zu, den flirrenden Farben, den Lichtreflexen. Seine Camille hat er weiterhin gemalt, fortan allerdings als Staffagefigur.

Kunsthalle Bremen, bis 26. Februar; Katalog (Hirmer Verlag) 25 €.

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