Kultur : Das Museum vor den sieben Bergen

Berlin, New York, Colorado: Daniel Libeskinds Kunstmuseum in Denver

Christoph von Marschall

Der Blick wird unwillkürlich nach oben gezogen, kaum dass der Besucher die Eingangstür passiert hat: in die Höhen des Atriums, das sich über vier Stockwerke erstreckt, auf Kliffe und Betonfelsen, deren Vorsprünge die Sicht auf den Himmel versperren und die sich dann ins Uneinsehbare zurückziehen. Wer Daniel Libeskinds neuen Bau in Denver, Colorado betritt, ist verblüfft: Gewiss doch, vieles weist auf das Kunstmuseum hin, das dieses Gebäude sein will – der Ticketschalter geradeaus, der Souvenirshop linker Hand. Aber ebenso könnte man sich in die Bergsteigerwelt der Rocky Mountains versetzt fühlen, die draußen am Horizont aufragt.

Abrupte Kanten, fast schmerzend scharfe Ecken, sich beängstigend verengende Gänge, die Licht und Luft zum Atmen verknappen – mit dieser Architektur hat Daniel Libeskind dem Grauen des Holocaust im Jüdischen Museum Berlin beeindruckend Gestalt verliehen. Im ganz anderen geografischen und historischen Kontext von Denver haben die gleichen Formen eine gegensätzliche Aussage. Sie imitieren die großartige Natur, die in einer knappen Autostunde zu erreichen ist. Über die Nischen und Zacken der Atriumwände, in denen sich die Aufgangstreppen verbergen, tanzen Zahlenabfolgen in zuckendem Lichtblau. Die digitale Installation des Japaners Tatsuo Miyajima, die den Ablauf der Zeit und individueller Biografien reflektiert, wirkt fast, als kokettiere Libeskind, der Schöpfer der Gegenwelten von Berlin und Denver, mit der Relativität seiner Ausdrucksformen.

Der 60-Jährige wirkt vergnügt, fast ausgelassen. Hinter der eckigen schwarzen Hornbrille blitzen fröhliche Augen. Sechs Jahre hat er an diesem Werk gearbeitet, hat seine Ideen in Pläne, Folien und Formeln übersetzt, dann überwacht, wie sie in Stahl, Beton und Titan Form annahmen. Aber nun, am Tag der Eröffnung, füllt sich der Bau mit Leben – ein Chor aus „wow!“ und „great!“ und „unbelievable!“

Für Denver ist der Neubau des Kunstmuseums eine Sensation, die die Stadt ins internationale Interesse katapultiert. Als Libeskind die Ausschreibung 2000 gewann, gab es viele Skeptiker, die sich traditionelle Formen gewünscht hätten. Aber jetzt heißt es allenthalben, Denver streife den Ruf, Provinz zu sein – eine reiche Ölregion, aber eben doch Provinz – sichtbar ab und gewinne Anschluss an die Avantgarde in New York und San Francisco. Hier war es „die reine Freude“, zieht Libeskind den Vergleich Berlin-Denver-New York. Jeden Besuch am Fuß der Rocky Mountains habe er genossen, „als angenehme Abwechslung“ zum Projekt an Ground Zero in New York, wo einst die beiden Türme standen – die derzeit berühmteste Baustelle der Welt, aber wie Berlin ein schicksalsbeladener Ort. Und natürlich „haben mich die Zacken der Berge zu dieser Architektur inspiriert“.

Nach Berlin wandern seine Gedanken gern zurück. Das Jüdische Museum war der Durchbruch zur internationalen Architektenkarriere. Und zugleich Teil seiner Biografie. Polnisch kommt Libeskind immer noch flüssig über die Lippen, wenn auch mit starkem amerikanischem Akzent. 1946 ist er in Lodz geboren, 1957 emigrierten die Eltern nach Israel, 1960 zog er in die USA weiter, studierte Musik und praktizierte sie als Beruf. Die Architektur folgte später, wurde zu seiner zweiten Berufung. 1989 gewann er den Wettbewerb in Berlin, zwölf Jahre dauerte es bis zur Eröffnung, doppelt so lange wie jetzt in Denver. Aber Berlin bleibt der Ausgangspunkt seiner steilen Karriere.

„Einen Studenten als Hilfe“ habe er gehabt, als er in Berlin begann. Heute arbeiten 150 Architekten in seinem New Yorker Büro, er baut in London und Dresden, New York, Singapur, Ontario. In Las Vegas, „die wollen richtige Architektur und nicht mehr nur Simulation“. Und ein Wohngebäude in Warschau – „Zlota 44“, die Hausnummer, ein Zungenbrecher im Polnischen, meistert er mit einem schelmischen Lachen. „Genauso hoch wie Stalins Kulturpalast“, setzt er hinzu, und in dessen direkter Umgebung. Die Form des Hauses reflektiere die Entfernung der königlichen Krone aus dem Staatswappen unter den Kommunisten.

Ob zerbrochener Davidstern oder zackiges Bergmassiv: Die Außenformen machen es den Museumsleuten drinnen nicht leicht, ihre Exponate zur Geltung zu bringen. Es fehlen rechteckige Räume, glatte Wände, konventionelle Lichtverhältnisse. Der Neubau hat 20 Prozent mehr Decken- als Bodenfläche. Eine „Herausforderung“ nennt es Museumsmitarbeiterin Kristin Altman bei der Führung – und erzählt, wie die Skepsis der Ausstellungsplaner allmählich in Begeisterung umschlug. Dank der Schrägen und schießschartenähnlichen Fenster mit gebündeltem Lichteinfall lassen sich manche Kunstwerke dramatischer inszenieren, zum Beispiel die Skulptur „Quantum Cloud XXIII“ des Briten Antony Gormley, eine aus Metallstäben komponierte menschliche Gestalt, in einem spitz zulaufenden Winkel.

Die ganz großen Namen der Malerei sind in Denver seltener zu finden als in New York oder San Francisco. Aber auch dieses Museum glänzt mit Monets und Degas, mit einer großen Sammlung aus der spanischen Kolonialzeit und dem (Wilden) Westen, mit spiritueller Kunst aus Afrika und Ozeanien. Eine Stärke ist die zeitgenössische Moderne, darunter auch viele deutsche Maler samt der „Neuen Leipziger Schule“: Neo Rauch, Jörg Herold, Eberhard Havekost, Martin Eder.

Denver ist mit dem Abbau von Öl und Bodenschätzen zu Geld gekommen. Das „alte“ Kunstmuseum von Gio Ponti von 1971, ein trutziger Burgbau, war schon lange zu klein. Mit dem 90,5 Millionen Dollar teuren Libeskind-Bau hat sich die Ausstellungsfläche annähernd verdoppelt. Aber bereits während der sechs Jahre Bauzeit bekam das Museum mehr neue Exponate gespendet, als der Neubau fassen kann. Da wird bald die nächste Erweiterung fällig. Das Geld wird sich dank des anhaltenden Wirtschaftsbooms und Mäzenatenstolzes wohl finden.

Infos: www.denverartmuseum.org

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