Kultur : Das muß kesseln!

HANS-JÖRG ROTHER

Sind Kinoklassiker nur noch zu ertragen, wenn vor der Saaltür der Kesselgulasch dampft? Bedarf das Publikum der Stärkung durch ein Paprika-Knoblauch-Steak, um Zoltán Fábris großartige Satire auf den Untertanengeist in kriegerisch-diktatorischen Zeiten ("Familie Tóth") auszukosten? Muß eine Hähnchenkeule vom Grill die nötige Verdauungsgrundlage für Peter Gothárs groteske Szenen aus den sozialistischen sechziger Jahren, "Die Zeit bleibt stehen", schaffen? Nach Károly Makks berühmtem Werk "Liebe", an dessen Schluß, im Jahr 1953, ein unschuldig Verfolgter mit bleichem Gesicht zu Hause anlangt, wird sich mancher einen Pálinka genehmigen, und nach einer Süßspeise wird man vielleicht nach Péter Bacsós Schwejkscher Parabel von einem Deichwächter in den harten Zeiten des Stalinismus, "Der Zeuge", Verlangen spüren. Dann aber tragen die Klänge der angereisten "Transsylvanians" die Gefühle in die laue Nacht.

Die krude Idee, nicht allein berühmte Filmkunst, sondern auch einige Küchenschlager des Donau-Theiß-Landes zu servieren, hat der Dauergast "Balázs" im Haus Ungarn geboren - wahrscheinlich ohne zu ahnen, was passiert, wenn Kunst unter die Genußmittel fällt. Was würden wir sagen, wenn ein Pariser Programmkino als Gemeinschaftsaktion mit dem Goethe-Institut "Fontanes Effi Briest" von Fassbinder, Schlöndorffs "Blechtrommel"-Adaption, "Stammheim" von Hauff und Wolf/Kohlhaases "Solo Sunny" mit deutschem Schweinebraten oder, einfacher noch, einem Schlag Erbsensuppe auftischen würde und dazu eine Kapelle mit Namen "Egerland" aufspielte? Pariser Kritiker dürften die fatale Menüwahl vermutlich als einen Beweis für die unverbesserliche deutsche Seele und frecher Gelüste nach verlorenem Terrain aufspießen. Uns aber mag der großmagyarisch anmutende Anspruch entgehen - schließlich kennen wir das 1920 an Rumänien verlorengegangene "Transsylvanien" nur als das ferne Siebenbürgen.

Aber man sollte nicht so humorlos sein, schließlich handelt es sich bei den ausgesuchten Filmen um Komödien, nur daß der Zuschauer nicht immer viel zu lachen hat. Am leichtesten mag das Amüsement noch bei "Familie Tóth" aus dem Jahre 1969, nach einem Roman von István Örkeny entstanden, mit dem legendären Zoltán Latinovits in der Hauptrolle, gelingen. Es ist gar zu erheiternd zu sehen, wie sich Menschen, um ihre Haut oder die ihres Sohnes zu retten, von einem irrsinnigen Major in Marionetten verwandeln lassen - bis zur tödlichen Umkehr. Für den 1994 verstorbenen Zoltán Fábri, den bedeutendsten ungarischen Filmregisseur, stellte die Parabel eher eine Ausnahme dar. Mit dem Bild einer ratlosen jungen Generation, "Die Zeit bleibt stehen", machte 1981 der Theatermann Péter Gothár auf seinen entwickelten Sinn für das Absurde aufmerksam. Das Berliner Publikum konnte kürzlich Gothárs jüngstes Werk "Die Außenstelle" sehen.

"Liebe" schließlich, 1969 nach zwei Novellen Tibor Dérys gedreht, gehört zu den großen Entstalinisierungsfilmen Ungarns. Makks subtile filmische Erzählung von einer Frau (Mari Töröcsik), die der Schwiegermutter (Lili Darvas) die Gefängnishaft ihres Mannes in eine stolze Amerika-Reise umdichten muß, wurde zum Tiefenbild der Rákosi-Ära, über die sich der bis ins Alter beißfreudige, manchmal etwas sentimentale Péter Bacsó im gleichen Jahr mit höhnischer Melancholie hermachte. "Der Zeuge" verschwand für zwanzig Jahre im Tresor.

Alle vier Arbeiten sind mit deutschen Untertiteln angekündigt, für die Originalfassungen der parallel angebotenen Fußballfilme steht hoffentlich ein Übersetzer bereit. Pál Sándors "Fußball der guten alten Zeiten" aus dem Jahr 1974 begeistert durch seine brillante Fabulierkunst, Péter Timárs "6:3", Spezialpreisträger der diesjährigen ungarischen Filmschau, sinnt mit hinterhältigem Eifer und dem großartigen Károly Sperjes in der Hauptrolle dem Tag nach, als es beim legendären WM-Match mit der deutschen Auswahl im November 1953 für Ungarn nicht nur auf dem Fußballfeld hoffnungsvoll aussah.

Wenn das "Balázs" seinem großen Namenspatron künftig Ehre machen sollte - was für eine Leerstelle einer vom Vergessen bedrohten Filmgeschichte könnte das Kino in der Hauptstadt ausfüllen. Vielleicht kann man es mit einem durchdachten Konzept versuchen - sogar ohne "ungarische Leckereien".

Balazs-Kino im Haus Ungarn, Karl-Liebknecht-Straße in Mitte, Freitag ab 18 Uhr

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