Kultur : Das Nachtgespenst

FRANK NOACK

Die Liebhaber alter deutscher Filme werden gern als dumme Nostalgiker belächelt.Ihnen jedoch ist es zu verdanken, daß der von den Nazis ermordete Schauspieler Kurt Gerron nicht in Vergessenheit geraten ist.Gerron hat neben Heinz Rühmann in "Die Drei von der Tankstelle" (1930) und "Man braucht kein Geld" (1931) mitgespielt, und er war als Varieté-Direktor neben Marlene Dietrich in "Der blaue Engel" (1930) zu sehen.Es spricht für seinen unpolitischen Charakter, daß er arglos das antisemitische Klischee vom dicken, zigarrerauchenden jüdischen Kapitalisten bediente."Er war Jude von außen und von innen", erinnert sich Camilla Spira, die ihm 1943 im Durchgangslager Westerbork begegnet war.Während jüdische Kollegen den Schutz der Anonymität genossen, wurde Gerron seine unverkennbare, massige Erscheinung zum Verhängnis.

Daß Gerron auch das Regiehandwerk beherrschte, scheint den Nazis bekannt gewesen zu sein, denn kurz vor seiner Ermordung wurde er gezwungen, den wohl perfidesten NS-Film zu inszenieren - perfide deshalb, weil hier die Opfer ihre eigene Lage beschönigen mußten."Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" war eine Dokumentation über das Vorzeige-KZ Theresienstadt, die ausländischen Betrachtern saubere Wohnungen mit glücklichen Menschen vorführte.Gerron glaubte trotz seiner bitteren Erfahrungen mit den Deutschen bis zuletzt an deren Korrektheit.Er vertraute auf das Ehrenwort, sein Überleben sei durch diesen Film gesichert - und wurde im November 1944 vergast.

Ilona Zioks Film "Kurt Gerrons Karussell" - so hieß das Kabarett, das Gerron in Theresienstadt leiten durfte - enthält erstaunliches Archivmaterial und Aussagen von Zeitzeugen, die Gerron noch bei der Selektion gesehen haben.Etwas mehr an Informationen hätte die Regisseurin allerdings dazu liefern können; so undurchsichtig, wie er hier erscheint, war Kurt Gerron nach den vorliegenden schriftlichen Dokumenten nicht.Andererseits nehmen die Neuinterpretationen seiner Lieder zuviel Platz ein.Besonders der manirierte Gesang von Ute Lemper wirkt störend angesichts der exzellenten Originaleinspielungen, etwa von Friedrich Hollaenders "Nachtgespenst".Ein Fehler: Hollaender war 1943 nicht, wie in diesem Film behauptet, im Lager Westerbork, sondern in Hollywood.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66 1/2, fsk, Hackesche Höfe.

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