Kultur : Das nackte Atelier

Benjamin Katz’ intime Künstlerporträts in der Berliner Galerie Camera Work

Carina Villinger

Vom Künstler kennt man meist nur seine Werke, die Person verschwindet dahinter. Damit die Verborgenen sichtbar werden, bedarf es eines kreativen Geistes, der sich eben dieses zur Aufgabe macht. Genau das hat Benjamin Katz getan, als er vor dreißig Jahren begann, Künstler zu porträtieren. Einer der bekanntesten Köpfe ziert jetzt die Einladungskarte von der Galerie Camera Work: Georg Baselitz ist der Mann mit den verschränkten Armen, Rauschebart und skeptischem Blick hinter der runden Brille, wie Katz ihn 1972 sah. Die Galerie im Atelierhaus in der Kantstraße widmet dem belgischen Fotografen derzeit eine Retrospektive mit über 200 Schwarzweiß-Fotografien. So also sahen sie aus, die Protagonisten der deutschen Kunstszene in den späten siebziger bis frühen neunziger Jahren (Preise zwischen 650 und 2000 Euro).

Vor die Linse genommen hat Katz viele Großmeister der damaligen Zeit: Gerhard Richter, A. R. Penck, Markus Lüpertz, Georg Baselitz. Für ihn sind es gute Bekannte. Was in ihren Ateliers entstand, das zeigte Katz in seiner Berliner Galerie, die er gemeinsam mit dem Kunsthändler Michael Werner 1963 gegründet hatte. Gleich eine der ersten Ausstellungen endete damals mit einem kleinen Skandal – die Polizei beschlagnahmte Baselitz’ angeblich pornographischen Bilder „Die große Nacht im Eimer“ und „Der nackte Mann“. 1972 wechselt Katz schließlich die Seite, zieht nach Köln und fotografiert seither seine Freunde und ehemaligen Kollegen. Er sieht ihnen beim Leben, Feiern und Arbeiten zu. Viele der Aufnahmen entstehen während der Kölner „Westkunst“-Schau 1981 und der Documenta IX im Jahr 1992. Katz bannt seine Modelle so auf den Film, dass es nie der Blick eines außenstehenden Eindringlings ist, sondern der eines Vertrauten. Fremdeln oder gar Verkrampfung hat in Katz’ Bildern keinen Platz, im Gegenteil: Hier wird nicht inszeniert, sondern es zählt allein der genau beobachtete Moment.

Da ist zum Beispiel A. R. Penck beim „Angriff auf V“ 1982 in der Galerie Werner in Köln oder beim Schwimmen, wie er walrossgleich durchs Wasser pflügt. Niele Toroni bemalt geduldig die Galeriewände mit einem regelmäßigen Muster aus Vierecken und Sigmar Polke wühlt in einem Abfalleimer nach Materialien. Auch in ihre Werkstätten und Ateliers folgt Katz seinen Modellen und beobachtet ihren Kampf mit der Kunst: Baselitz, wie er einen Teewagen mit Malutensilien an einer riesigen Leinwand vorbeischiebt, auf die er wahrscheinlich gerade noch schwungvoll die Farbe gedonnert hat, seine weiße Kleidung ist völlig verschmiert. Und immer wieder Gerhard Richter – malend, denkend, abwägend, mit einem Porträt von Sabine Richter oder im Atelier; ihm allein ist in der Berliner Ausstellung fast ein ganzer Raum gewidmet. Eine der apartesten Fotografien der Schau aber ist die Aufnahme von Blinky Palermo, auf der dieser 1977 – im Jahr seines frühen Todes – müßig rauchend und von unnachahmlicher Lässigkeit in der Galerie Heiner Friedrich sitzt. Bei soviel geballter man power erfreuen die wenigen Aufnahmen von Künstlerinnen um so mehr: Rosemarie Trockel, Rose Finn Kelkey und Cindy Sherman, viel mehr Vertreterinnen der weiblichen Zunft sind allerdings nicht dabei.

Etliche Fotografien zeigen dagegen die Rädchen, die den Kunstbetrieb gut geölt am Laufen halten. Die Brüder Walter und Kaspar König sind zu sehen, Michael Werner, Paul Maenz, Peter Ludwig und natürlich der Doyen aller Kunsthändler: Leo Castelli. Dessen lebenslange Verneigung vor der Kunst verdeutlicht das Porträt auf´s Schönste: Castelli wird von dem Gemälde, das hinter ihm hängt, schier in die Ecke gedrückt – die Prioritäten sind klar verteilt. Man darf gespannt sein, wen Katz als Destillat der nächsten Künstlergeneration festhalten wird.

Camera Work, Kantstraße 149, Atelierhaus, bis 24. Mai; Dienstag bis Freitag 11–18 Uhr, Sonnabend 11–16 Uhr.

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