Kultur : Das Narrenkönigsspiel

Triumph des Clowns: Thomas Bernhards „Einfach kompliziert“ im Berliner Ensemble

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Krone des Lebens. Gert Voss als Spiegelbildner und Bernhard-Spieler. Foto: J. Fieguth
Krone des Lebens. Gert Voss als Spiegelbildner und Bernhard-Spieler. Foto: J. FieguthFoto: Joachim Fieguth

Der Abend heißt: Voss. Voss. Voss.

So hätte zu seiner Zeit der große Kritikerkollege Alfred Kerr die Sache benannt. Einfach emphatisch. Und doch analytisch.

Tatsächlich ist Thomas Bernhards Stück „Einfach kompliziert“, das Claus Peymann jetzt in Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater für das Berliner Ensemble inszeniert hat, eine One-Man- Show. Die Riesennummer für einen reifen Schauspieler, der einen alten Schauspieler spielt. Nur kurzweilig tritt noch ein kleines Mädchen in die Wohnschlafkammer des Mannes, um ihm zweimal die Woche eine Kanne Milch zu bringen. Die Milch freilich verabscheut der kinderlos verwitwete Mime. Milch nie! Trotzdem muss die Milch sein, das, was wir hassen, brauchen wir auch. Wir sind ja bei Thomas Bernhard. Und der namenlose alte Spieler will nicht auf den rituellen Besuch des einzigen Menschen verzichten, den er noch in sein Leben lässt.

Dieses sonst graue kahle Leben besteht, außer der Jagd nach Mäusen, nurmehr aus Erinnerungen. Eine klassische, konventionelle Voraussetzung für ein Monodrama. Für eine typisch Bernhard’sche Solistensuada. Für eine monomane Lebensunglücksverwünschungskomödie. Aber ergibt das noch ein lebendiges Theater, heute, 22 Jahre nach Bernhards Tod? Es könnte dies, angerichtet von dem größten Bernhard-Regisseur aller Zeiten, gespielt von dem seit Bernhard Minettis Tod lebensgrößten Bernhard-Darsteller (siehe „Ritter, Dene, Voss“), eine wunderliche, doch museale Veranstaltung sein. Ein Begräbnis erster Klasse.

Ist es nicht. Auch keine Wiederauferstehung. Sondern etwas Seltengewordenes, Eigenartiges. Ebenso einfach wie kompliziert. Gert Voss, in den Ruinen eines feinen Anzugs, mit Manschettenknöpfen im Hemd und Filzpantoffeln an den Füßen, er füllt den malerisch-morbiden, mit blaugrün abblätternden Tapeten vom Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann als Mischung aus Halbrund und dynamisch, klaustrophobisch zulaufendem Winkel entworfenen Raum, wie selbstverständlich. Also: selbstredend.

Doch gelingt das nicht einfach nur in allen Zungen – zwischen Hauchen und Schreien, Maulen, Mümmeln und Hüsteln, zwischen Brandrede und Schwanengesang. Gelingt nicht nur mit Vossens Kauern, Trippeln, Wippen, Altmännerschlurfen und schnaufenden Pirouetten. Wenn er in Erinnerung an den Dritten Richard, den er selber am Wiener Burgtheater einst als Triumphrolle gab und über den sein Rollen-Ego nun sagt „Ich habe ihn in Duisburg gespielt / und in Bochum / Es war kein Erfolg“, dann ist das naturgemäß ein Lacher. Wie „Ein Jahr Ludwigshafen“, die Variante des Bernhard-berühmten „Morgen in Augsburg“. Toller noch, wenn Voss’ 82 Jahre alter Schauspielrentner dazu die ihm von der Stadt Duisburg einst vermachte Richard-Krone aufzieht, sich einen schäbigen Wollmantel wie eine Königstoga um die Schultern wirft und ironisch buckelt, humpelt und einen Shakespeare- und Nosferatuschatten an die Wand wirft. Mit diesem eigenen, elend komischen, lachhaft lächerlichen Schattenbild spielt er ein paarmal: selber trotz Schopenhauer-Zitaten und Schopenhauer-Bild an der Wand nur noch ein Schimäre seiner Einbildungen. Die Welt als letzter Wille und letzte Vorstellung.

Ein Mann verkörpert sein Testament. Bei Bernhard ist das, mit Anspielungen auch auf Becketts „Letztes Band“, nicht viel mehr als nochmal ein Sampeln der eigenen Lieblingsmotive und Selbstzitate: von „Minetti“, dem „Weltverbesserer“ u. v. m. Bernhard Minetti übrigens hatte, damals ohne richtigen Regisseur, die eher leblos deklamatorische Uraufführung des Stücks vor 25 Jahren am Berliner Schillertheater gespielt. Kein Erfolg.

Bestärkt nun von Claus Peymann, geht Gert Voss weit über das Räsonieren und alles eitle Virtuosennummern-Rampenarientheaters hinaus. Man sieht in 100 Minuten gleichsam das Menschheitsdrama des Altwerdens, des Spielens gegen den eigenen Tod. Dies aber nicht als Tragödie. Sondern als Narrenkönigsfarce. Der alte Mann „a bitter fool“, so heißt es im „Lear“. Wie einst der Clown Charlie Rivel jault Voss die rührendsten Jammertöne. Und bildet er sich für Sekunden mal eine zweite Jugend ein, mit groteskem, äffischem Bubengrinsen, ist im nächsten Moment das Gesicht wie erloschen. Ein Gesicht, das ist das Tollste, das hier ganz ohne Reden und Rasen zur großen Bühne wird. Altes Theater, nicht modisch, also auch nicht altmodisch. Am Ende für Voss und Peymann Ovationen.

Wieder am 25., 26. 2., am 2., 3., 17., 25. 3.

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