Kultur : Das Narrenschiff

Der Piratenfilm ist wieder da: „Fluch der Karibik“ mit Johnny Depp

Julian Hanich

Dieser Mann ist ein Witz. Wenn er spricht, lallt er antiquiertes Kauderwelsch. Wenn er geht, wankt er, als balanciere er auf der Reling eines sturmumtosten Schiffes. Vom Kinn hängen ihm geflochtene Ziegenbartspitzen. Und aus dem verfilzten Haar baumeln bunte Ketten. Dieser Mann ist Jack Sparrow: ein tuntiger Paradiesvogel, Glamrocker avant la lettre, Rastafari der sieben Meere. Kurz: einer, der zuviel Sonne und Bacardi abbekommen hat am karibischen Werbefilmstrand. Man nennt ihn auch den schlechtesten Piraten aller Zeiten.

Dieser Kerl, gespielt von einem denkbar komischen Johnny Depp, könnte einem Leid tun. Bei einer Meuterei wurde ihm sein Schiff abgeknöpft, weshalb er jetzt arbeitslos und abgebrannt in der Karibik abhängt (Sozialhilfe-empfangende Florida-Rolfs gab es damals noch nicht). Sein Schiff, die Black Pearl, ist in den Händen von Captain Barbossa (Geoffrey Rush) und dessen Lumpenpack von Crew: lauter marodierende Widerlinge, bei denen es höchste Zeit wird für eine Behandlung mit Colgate und Wella-Shampoo. Doch die Freibeuter haben ein größeres Problem: In ihrer Gier haben sie sich an einem Schatz vergriffen, der mit einem Bann belegt war. Zur Strafe fristen sie jetzt ihre Tage als Untote. Und wenn sie nachts ins Mondlicht treten, mutieren sie zu klappernden Skeletten. Verflucht: Sie sind buchstäblich Geisterfahrer auf einem Narrenschiff.

Aber weil neben diesen Kerlen ein paar schöne Gesichter nicht fehlen dürfen, gibt es die freche Gouverneurstochter Elizabeth Swann (Keira Knightley) und William Turner (Orlando Bloom), der zwar so heißt wie Englands bedeutendster Maler, aber nur ein schmachtender Schwertschmied ist. Dafür wird er irgendwann, versteht sich, eine Liebe von Swann. Mit anderen Worten: Jack will sein Schiff, Elizabeth will William, und die untoten Piraten wollen endlich ihre Ruhe.

Die Zombies sind natürlich augenzwinkernde Allegorien auf ihr eigenes Genre: Ob Polanskis „Piraten“, Spielbergs „Hook“, ob „Muppet Treasure Island“ oder „Cutthroat Island“ – der Piratenfilm war lange tot und weilte doch immer unter uns. Mit Gore Verbinskis „Fluch der Karibik“, diesem bombastischen, romantischen, überlangen, ziemlich witzigen Film könnte das Genre wieder zum Leben erweckt werden.

Schließlich handelt es sich um einen echten Blockbuster. 125 Millionen Dollar hat er gekostet und in den USA bisher über 260 Millionen erbeutet. Kaum ein Film war erfolgreicher in diesem Sommer des ökonomischen Missvergnügens. Was den Film darüber hinaus interessant macht, ist seine neue Taktik der Synergie. Hellsichtige Sarkasten haben schon vor Jahren behauptet, dass Hollywood-Filme nur noch zeitlich gedehnte Werbeclips seien für den Verkauf des Soundtracks, den Videoverleih, die Wiederaufführung im Fernsehen, das dazugehörige Sortiment an Knautschpuppen, das entsprechende Computerspiel und den passenden Themenpark. Mittlerweile ist diese Kette der sich gegenseitig verstärkenden Werbeeffekte noch verschlungener geworden. Computerspiele werden zu Filmen („Lara Croft“); auf DVDs sind Ausschnitte von Filmen zu sehen, die noch gar nicht im Kino gelaufen sind („Herr der Ringe“), und die Dramaturgie imitiert die Struktur von Videospielen („The Matrix“). Alles ist möglich.

„Fluch der Karibik“ ist der erste Film, der umgekehrt das Spektakel einer Freizeitpark-Show für sich nutzt. Wer je in einem Disneypark war, kennt die „Pirates of the Caribbean“. Die 15-Minuten-Wasserbootfahrt durch die Piratenwelt ist eine der ältesten Disney-Attraktionen, an ihr hat noch der alte Walt mitgearbeitet. Das Schlagwort „Kino der Attraktionen“, in den Neunzigern eine polemische Bezeichnung für die Rückkehr des Blockbusters zu den Varieté-Anfängen des Stummfilmkinos, hat selten besser gepasst. In der Tat: Schwerter klirren, Fäuste fliegen, Kanonen krachen. Manchmal ploppt sogar ein Augapfel aus seiner Höhle heraus. Es gibt Action, Pyrotechnik und aberwitzige Computereffekte. Doch all der Aufwand wäre viel Lärm um nichts (Produzent: Jerry Bruckheimer!), wäre da nicht dieser sensationelle Hauptdarsteller. Ein Depp aus Fleisch und Blut is noch immer die größte Attraktion.

In 26 Berliner Kinos, OV im Babylon, Cinemaxx Potsdamer Platz, CineStar Sony-Center

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben