Kultur : Das Netzhaut-Labyrinth

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Von Filmen bleibt nach einer Weile oft nicht mehr als eine Stimmung, zwei Szenen, drei Bilder, die nicht unbedingt zueinander passen mögen, aber doch ein Ganzes ergeben – Fetzenteppich der Erinnerung. Von Alejandro González Iñárritus „Babel“ bleibt vielleicht die Panik um Cate Blanchett, die in einem marokkanischen Bergdorf zu verbluten droht. Es bleibt das Lampiongeschaukel eines mexikanischen Hochzeitsfests, bei dem zwei Kinder ihrer Babysitterin verloren gehen. Und es bleibt ein eigentlich inkompatibles Gefühl von Anonymität und zugleich Intimität, das die dritte der „Babel“-Episoden, die japanische, von Anfang an umweht: stumme, seltsam wechselseitige Trostspendung zweier Fremder in einem Hochhaus in der Nacht. – Nicht oft geschieht es, dass einem Film sogleich ein prächtiger Bildband folgt, der Stimmung, Szenen und Bilder auf seine Weise der Vergänglichkeit zu entheben sucht. Wim Wenders macht so was gerne, und dann erscheinen, beim nachsinnenden Nachblättern, seine Filme gleich noch mal so schön: als jene Gemälde aus Gefühl, die sie eigentlich sind. Auch Iñárritus „Babel“ ist dies nun widerfahren, in einem Format, das jedes Cinemascope zu sprengen scheint – und in dem verführerischen Versuch, die narrativen Fragmente in der Kompilation von Bildern zu spiegeln, die zusammen ein größeres Bild ergeben. „Einmal habe ich geträumt“, schreibt Iñárritu, „dass die Augenlider die endlosen, von der Netzhaut erfassten Bildlabyrinthe zurückhalten oder aufzeichnen können. Ich stellte mir vor, von diesen Lidern alle Erinnerungen unseres Lebens abzunehmen wie imprägniertes Kohlepapier.“ Natürlich geht das nicht, darum macht er Filme. Und deshalb gibt es solche Bücher, die man lange aufgeschlagen lässt auf dieser Traumseite oder jener, bevor man zu einer dritten übergeht.jal

Babel. Fotobuch von Mary E. Mark, Patrick Bard und Graciela Iturbide; Taschen Verlag, 304 Seiten, 30 €

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