Das neue Album von La Roux : Einfach mal runterkommen

Warm und sexy: La Roux kehrt fünf Jahre nach ihrem überragenden Debüt mit einem entspannten Dance-Pop-Album "Trouble In Paradise" zurück.

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Elly Jackson alias La Roux.
Elly Jackson alias La Roux.Foto: Universal

Die Schwerkraft darf wieder über den roten Haarschopf von Elly Jackson alias La Roux gebieten. Sanft wellen sich die Strähnen über ihre linke Gesichtshälfte, verschwunden ist ihr einstiges Markenzeichen: die mit Tonnen von Haarfestiger kühn nach oben gestylte Tolle.

Die britische Sängerin sah damit ein bisschen aus wie Tim ohne Struppi oder die Tochter von Tilda Swinton. Vor allem aber passte die Frisur perfekt zur Musik, mit der La Roux vor fünf Jahren bekannt wurde. Auf ihrem stark vom Synthie-Pop der 80er beeinflussten Debütalbum strebte ebenfalls alles nach oben: Die Beats und Keyboardhooks hüpften wie in einem Jump- and Run-Game, das auf einem Commodore 64 programmiert worden war. Darüber schraubte sich die Kopfstimme der Londonerin. Durchdringend sang sie in Hits wie „In For The Kill“ oder „Bulletproof“ über Liebesabenteuer und kugelsichere Gefühlswelten. Die Platte verkaufte sich rund zwei Millionen Mal, schaffte es in England bis auf den zweiten Platz der Charts und wurde nach ihrer zeitversetzten Veröffentlichung auch in den USA gefeiert. Elly Jackson und ihr musikalischer Partner Ben Langmaid gewannen einen Grammy für das beste Electronic/Dance- Album. Später rief sogar noch Kanye West an und lud Jackson ein, auf einigen seiner Tracks mitzusingen.

Ein irrer Karriereblitzstart. Aber vielleicht auch ein bisschen viel für die damals noch bei ihren Eltern lebende 21-jährige Sängerin und Multiinstrumentalistin, die sich plötzlich auf Konzertbühnen in der ganzen Welt wiederfand. Irritiert stellte sie fest, dass ihr Fotografen auflauerten und die Medien spekulierten, ob die androgyne Musikerin lesbisch sei, wozu sie sich nie recht äußern mochte.

Bei der Arbeit am neuen Album zerbrach überdies die Zusammenarbeit mit Langmaid, den sie eine musikalische und persönliche Enttäuschung nennt. Die beiden sprechen nicht mehr miteinander. Am schlimmsten setzte Jackson jedoch zu, dass sie Stimmprobleme bekam. Sie erreichte die hohen Lagen nicht mehr. Zwei Jahre lang lief sie verzweifelt von Arzt zu Therapeut, trank nur noch heißes Wasser, verzichtete auf Partys und bestimmte Nahrungsmittel – bis endlich erkannt wurde, dass ein Muskel in ihrem Rachen komplett verspannt und quasi gelähmt war. Sie musste ihre Technik umstellen.

In den Texten von La Roux geht es oft um unerfüllte Liebe

Izwischen singt sie seltener mit Kopfstimme, wie man auf ihrem am Freitag erscheinenden zweiten Album „Trouble In Paradise“ hören kann. Die Platte klingt geerdeter, nicht mehr so aufgedreht und draufgängerisch wie der Vorgänger. Der langsamere entspanntere Sound steht ihr – wie die neue Frisur – ausgesprochen gut. Zu sehen und zu hören etwa im Video der Single „Let Me Down Gently“, das die Sängerin während des verhaltenen Balladen-Beginns in einem dunklen Raum zeigt. In der zweiten eleganten Electropop-Hälfte ist sie dann beim Lauf über ein freies Feld zu sehen, angetrieben von flackernden Synthesizern, einem achtelnden Bass und einem sehnsuchtsvoll aufheulenden Saxofon.

Elly Jackson sagt über das Album: „Die Musik hat irgendwie eine warme, sexy Energie“, was es ganz gut trifft. Für die Wärme sind die Bässe zuständig, für die Sexyness sorgen neben den Synthies neuerdings auch Gitarren. Funky in Nile Rodgers-Manier gespielt, sind sie eine der auffälligsten Veränderung gegenüber dem Debüt. Traf La Roux damals passgenau den auch von Kolleginnen wie Ladyhawk oder Little Boots vorangetriebenen 80er- Trend, rückt sie nun ein gutes Stück davon ab. Die größtenteils noch unter Beteiligung von Ben Langmaid geschriebenen aber von Toningenieur Ian Sherwin produzierten Songs schieben ihr Klangbild in eine reizvoll reifere Richtung. „Uptight Downtown“ etwa nimmt mit seinem lockeren Groove und einem an David Bowies „Let’s Dance“ erinnernden Motiv Kurs auf Ohrwurmregionen. Im Text reflektiert Elly Jackson die Londoner Unruhen von 2011, die sie vor allem wegen der Plünderungen irritiert haben.

Sonst bleibt die Sängerin allerdings bei ihrem angestammten Thema Liebesleid. In „Sexotheque“ erzählt sie von einer Frau, der es zu schaffen macht, dass ihr Mann dem käuflichen Sex verfallen ist und in „Cruel Sexulality“ fragt sie zur galoppierenden Bassline: „You make me happy in my everyday life / Why must you keep me in a prison at night?“ Einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte sie im siebenminütigen „Silent Partner“, das Giorgio Moroder-Assoziationen weckt und auch als Abrechnung mit ihrem früheren La-Roux-Partner Langmaid verstanden werden kann. Die kugelsichere Erzählerin des ersten Albums ist von einer verletzlicheren Figur abgelöst worden. Sie tanzt langsamer, aber dafür vielleicht länger als nur einen Sommer.

„Trouble In Paradise“ erscheint am 18. Juli bei Universal.

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