Das neue Album von Moderat : Brennende Brücken beleuchten den Weg

Feines Klackern, wuchtiger Bass und wehmütige Melodien: Das Berliner Elektro-Trio Moderat und sein Album „III“.

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Sebastian Szary, Gernot Bronsert und Sascha Ring sind seit 2003 Moderat.
Sebastian Szary, Gernot Bronsert und Sascha Ring sind seit 2003 Moderat.Foto: Flavien Prioreau/Promo

Das stolpernde Holzgeklöppel klingt erst mal harmlos, verbreitet gleichzeitig aber eine unangenehme Hektik. Die erste Textzeile fügt eine verstörende, leicht absurde Komponente hinzu: „I steal from the beggar’s empty plate/ And give to the fat man“, heißt es da. Und während man noch damit beschäftigt ist, sich diesen Diebstahl von einem leeren Teller vorzustellen, verkündet ein spitzer Synthieschrei neues Unheil, das sich in Form von bedrohlichem Bassbrummeln materialisiert.

Nach genau einer Minute dann die Erlösung: die Synthesizer-Akkorde gehen in die Breite, die Bassdrum bringt Ordnung hinein und nachdem erst eine stark nach unten verzerrte Stimme den Refrain vorgestellt hat, darf er endlich in all seiner wehmütigen Schönheit erklingen: „Burning bridges light my way“, singt Sascha Ring. Es ist diese Zeile aus der ersten Moderat-Single „Reminder“ vom neuen Album „III“, die sich sofort im Kopf festsetzt – ein ganz ähnlicher Effekt wie vor drei Jahren, als das Berliner Elektro-Trio das Stück „Bad Kingdom“ veröffentlichte und sich die Zeile „This is not what you wanted“ als noch unwiderstehlicher erwies.

„Bad Kingdom“ war für die Gruppe der Türöffner zur großen internationalen Bühne. Er schob das Album „II“ nicht nur auf Platz zehn der deutschen Charts, sondern verhalf dem Trio auch im Rest von Europa sowie in Nordamerika zu einem immensen Popularitätsschub. So startete die aktuelle Tournee letzte Woche in Warschau, sie führt über London, Lyon, Barcelona bis nach New York, L.A. und Vancouver. Moderat, deren Alben auch in amerikanischen Medien besprochen werden, sind in den letzten Jahren zu Berlins Elektronik-Botschafter geworden – jenseits von Minimal Techno oder Paul Kalkbrenner, die sonst als typischer Hauptstadt-Sound wahrgenommen werden.

Modeselektor und Apparat taten sich 2003 zusammen

Dabei waren Moderat anfangs nur ein Nebenprojekt von drei Musikern, die in den Neunzigern in Berlins Technoszene sozialisiert worden waren und mit ihren eigenen Projekten bereits eine gewisse Bekanntheit erlangt hatten. Gernot Bronsert und Sebastian Szary mit ihrem Techno-Duo Modeselektor, Sascha Ring mit seinem Elektronik-Projekt Apparat. Zusammen nannten sie sich 2003 Moderat, brachten eine EP heraus und sechs Jahre später ihr Debütalbum. Wirklich zu einer Band verschmolzen sind sie dann aber erst bei „II“, auf dem sie ihre Kombination aus clubbigen und poppigen Elementen auf den Punkt brachten. Moderat vollzogen eine allmähliche Entwicklung vom Track zum Song, die sich auch darin zeigte, dass Sacha Rings Gesangsanteil stetig wuchs. Anfangs gab es noch Gastsänger, und Ring stand nur gelegentlich am Mikro. Auf „II“ war er der alleinige Sänger, genau wie auf dem Nachfolger „III“, der nur ein Instrumental enthält und den Abschluss einer Trilogie markiert.

Auf den neun neuen Liedern verfeinern sie ihren Sound noch einmal, formulieren das eine oder andere um, ohne dabei entscheidend von der Linie des letzten Werks abzuweichen. Wieder führen sie mächtige Bässe mit flächigen Synthesizern, verfremdeten Stimmsamples und melancholischen Gesängen zusammen, was zu einer Art Post-Dubstep führt, in dem Einflüsse von Burial, James Blake und Sohn aufscheinen.

Mehr für den Kopfhörer als für den Dancefloor

Ein besonders gelungenes Beispiel für Moderats Fähigkeiten, erhabene Klanggebilde zu erschaffen, ist der knapp sechsminütige Song „Ghostmother“. Er baut auf den dynamischen Kontrast von gedehnt-halligen Synthesizern, die zusammen mit einer wuchtigen Bassdrum voranschreiten, und einer schnelleren Klacker-Beat-Spur. Als säße jemand in der letzten Bank einer gotischen Kathedrale und hackte manisch auf einer kaputten Schreibmaschine herum, während auf der Empore Geisterchöre den verzweifelten Sänger begleiten.

Das ist alles sehr geschmackvoll gemacht und eher für den Kopfhörer als für den Dancefloor gedacht. Auf ihre Clubvergangenheit beziehen sich die drei – sie sind zwischen Ende 30 und Anfang 40 – eher in Anspielungen, wenn sie etwa im letzten Viertel von „Running“ plötzlich ein fettes Break einbauen und dann noch mal eine treibende Techno-Abfahrt zelebrieren oder in dem sachte beginnenden „The Fool“ ein quäkiges Fanfarenmotiv an die Stelle des Refrains setzen.

Im eigenen Studio aufgenommen, selbst produziert (nur beim Mastering hatten sie Unterstützung) und auf ihrem eigenen Label veröffentlicht, zeigen sich Moderat mit „III“ ganz bei sich und bereit für den ganz großen Erfolg. Nur ein richtiger Hit fehlt dem Album.

 „III“ erscheint bei Monkeytown Records Berliner Konzert: 5.6. Velodrom

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