Das neue Album von Tokio Hotel : L. A. Confidential

Was haben Tokio Hotel fünf Jahre lang in den USA gemacht? Nach ihrer Work-Life-Balance gesucht. Das neue Album „Kings of Suburbia“ strotzt vor Sex – und erstaunlich raffiniertem Elektropop.

von
Georg Listing, Tom und Bill Kaulitz und Gustav Schäfer (von links) sind Tokio Hotel.
Georg Listing, Tom und Bill Kaulitz und Gustav Schäfer (von links) sind Tokio Hotel.Foto: Lado Alexi

O.k., ist ja gut, wir haben verstanden. Die vier Mitglieder von Tokio Hotel, einst Deutschlands erfolgreichster Boyband, sind erwachsen geworden und interessieren sich jetzt für Sex! Die Botschaft ist angekommen. Herrgott noch mal.

Es kann einen geradezu aufregen, wie viele Holzhämmer die jungen Männer aufbieten, um ihr neues Image in die Öffentlichkeit zu dreschen: Fummelorgie im Video, angedeutete Vagina auf dem Cover, Masturbationsgestik, Mehrdeutigkeiten in Songtexten. Als die Band Donnerstagmittag im Berliner Kino Babylon das neue Album vorstellt, erklärt Sänger Bill Kaulitz, man könne den Song „Girl Got A Gun“ ja auch dahingehend interpretieren, dass die besungene Frau ihre Knarre in der Hose habe, einen Phallus also! Da blitzen Bills Augen auf, funkeln heller noch als die Metallenden seines Nasenpiercings.

Nach langer Sendepause ein neues Album, diesen Freitag ist „Kings of Suburbia“ erschienen. Ein Maskottchen besitzen sie jetzt auch: blaues Fantasie-Plüschtier mit großem Penis, der auf Kommando Tischtennisbälle verschießt. Sie wollten es mit nach Berlin zur der Pressekonferenz bringen. Ging nicht. Steckt noch am Zoll fest. Schade.

Tokio Hotel sind sichtbar gealtert

Dass die Kreatur überhaupt durch die Flughafenkontrolle muss, liegt daran, dass die beiden Köpfe der Band, Bill und Zwillingsbruder Tom, längst nicht mehr im heimischen Magdeburg leben. 2009 haben sie den Gottschalk gemacht: sind in die USA übergesiedelt und von Superstars zu Normalos zurückgeschrumpft. In Deutschland trauten sie sich nicht mehr auf die Straße. Das wollten sie aber. Ein Privatleben führen, nicht immer nur arbeiten. Die „Balance“ sei ihnen in Deutschland „aus dem Gleichgewicht“ geraten, sagt Bill. Er habe den eigenen Bandnamen nicht mehr hören können.

Sichtbar gealtert sind sie in L.A. Tom trägt jetzt Rauschebart und Tunnel im Ohr, das Arschgeweih der Zehnerjahre. Bill ist noch mal 20 Zentimeter gewachsen, denkt man, aber nein, das sind bloß die gigantischen Plateauschuhe, in denen er durchs Babylon stolziert. Die Wahlheimat hat auch in ihrer Sprache Niederschlag gefunden. Bill rutschen jetzt Worte wie „Key-Moment“ raus. Gesungen wird, das ist neu, nur noch auf Englisch.

Für die aufdringliche Versextheit ihres Comebacks gibt es zwei Erklärungsmodelle. Das erste kommt von den Musikern selbst: Das sei gar keine bewusste Entscheidung gewesen, sondern einfach passiert. Das zweite ist zynischer, aber möglicherweise das realistischere in diesem Geschäft: Die weibliche Kernzielgruppe der Band ist mitgealtert, wer auf den Konzerten damals noch Zeilen von „Durch den Monsun“ oder „Schrei“ mitgekreischt hat, nähert sich heute dem Studienabschluss. Neue Teenies werden sich nicht rekrutieren lassen, die Zwillinge eignen sich nicht mehr als Schwärm-Projektionsfläche, die würden eher gesiezt werden. Bleibt nur, dem Boyband-Image und seiner Harmlosigkeit zu entfliehen. Dass sich Sex dafür eignet, hat voriges Jahr Miley Cyrus bewiesen, als sie sich nackt auf einer Abrissbirne räkelte. Das Prinzip ist jedoch viel älter: Schon Justin Timberlake ermöglichte es ein Leben nach NSYNC.

So weit, so durchsichtig. Nur: Warum regt die Masche einen jetzt ausgerechnet bei Tokio Hotel dermaßen auf – warum kann einem die Band nicht einfach egal sein?

1 Kommentar

Neuester Kommentar