Das neue Buch von Sarah Bakewell : Ich bin so frei!

Väter und Mütter der Postmoderne: Die britische Autorin Sarah Bakewell lässt die Helden des französischen Existenzialismus aufleben.

Tobias Schwartz
Existenzialistisch. Die britische Autorin Sarah Bakewell.
Existenzialistisch. Die britische Autorin Sarah Bakewell.Foto: Mauritius Images/Alamy

Wer liest heute noch Sartre? Vielleicht greift man noch nach dem Roman „Der Ekel“, einst Kultbuch für Generationen. Andere Werke wie das Theoriemonstrum „Das Sein und das Nichts“ werden nur noch von Spezialisten aus dem Regal gezogen. Und nun von Sarah Bakewell, die in ihrem neuen Buch „Das Café der Existentialisten“ dafür plädiert, sich wieder einmal mit dem guten alten Existentialismus zu beschäftigen. Die gefeierte Montaigne-Biografin, die als 16-Jährige von Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus fasziniert war – die in ihr einst den Wunsch weckten, Philosophie zu studieren –, wollte die Helden ihrer Jugend noch einmal ausgraben.

Glaubt man der Britin Bakewell, verlor die Philosophie seit Ende des Existentialismus und dem Aufkommen strukturalistischer, poststrukturalistischer oder dekonstruktivistischer Theorien in den 50er und 60er Jahren die Themen Freiheit, Individualität und Engagement aus dem Auge. Die Postmodernisten, konstatiert sie, „schienen die Philosophie als ein Spiel zu betrachten. Sie jonglierten mit Zeichen, Symbolen und Bedeutungen. Das Schwindelgefühl der Freiheit und die Angst der Existenz waren etwas Peinliches für sie.“ Zumindest Letzteres trifft wahrscheinlich zu. Mit seinem kategorischen Imperativ „Sei frei“ war Sartre so etwas wie der personifizierte Individualismus – und als solcher nach der philosophischen Wortergreifung von Michel Foucault & Co. nur noch für weltschmerzbehaftete Selbstverwirklicher und Nostalgiker goutierbar. Dem entspricht die verbreitete Auffassung, beim Existentialismus handele es sich eher um eine Stimmung als um eine Philosophie.

Sartre mit seinen wulstigen Zackenbarsch-Lippen

Bakewell hält die Zeit für reif, an die existentialistische Väter- und Müttergeneration der Postmodernen zu erinnern. Los geht es mit dem von Simone de Beauvoir kolportierten Gründungsmythos. Die um die Jahreswende 1932/33 noch alles andere als berühmte Feministin sitzt mit Sartre – Bakewell beschreibt ihn als 27-Jährigen „mit runden Schultern und wulstigen Zackenbarsch-Lippen“ – und dessen Studienfreund Raymond Aron im Pariser Café Bec de Gaz in der Rue Montparnasse. Man trinkt Aprikosencocktails. Aron kommt frisch aus Berlin, wo er von einer Strömung namens Phänomenologie Wind bekommen hat. Ihr Vordenker Edmund Husserl fasst sie unter dem Motto „Zu den Sachen selbst“ zusammen. Es geht um nichts Geringeres, als „die wichtigste Frage überhaupt zu stellen: die nach dem Sein“. Aron zu Sartre: „Siehst du, mon petit camarade, wenn du Phänomenologe bist, kannst du auch über diesen Cocktail sprechen, und das ist dann Philosophie.“ Spätestens da ist Sartre „vor Erregung ganz blass geworden und wie elektrisiert“, der Weg vom Sein zur Existenz, die der Essenz vorausgeht, war geebnet.

Plastisch schildert Bakewell solche Szenen, erzählt vom wilden Leben in verrauchten Pariser Jazz-Clubs und Cafés, von Nazi-Okkupation und Kriegsende, von schwarzen Rollkragenpullovern, Erscheinungen wie Juliette Gréco, dem Trompeter-Schriftsteller Boris Vian und nicht zuletzt Camus, auf den sie ebenso eingeht wie auf de Beauvoirs epochales Werk „Das andere Geschlecht“. Ausführliche Exkurse widmet sie Husserl, Heidegger, Jaspers, Merleau-Ponty und anderen.

Es geht Bakewell um persönliches Engagement

Ihr Ziel ist, Philosophie gewissermaßen zurück auf den Barhocker respektive die Café-Stühle zu holen. Die Existentialisten „saßen nicht herum und spielten mit Signifikaten und Signifikanten, sondern stellten große Fragen: was es heißt, ein authentisches, im umfassenden Sinn menschliches Leben zu führen, hineingeworfen in eine Welt mit vielen anderen Menschen, die gleichfalls versuchen zu leben.“ Kurz: Es geht Bakewell um persönliches Engagement. Man muss ihren oberflächlichen Tiraden gegen „die Postmodernen“ nicht folgen, um ihr Anliegen, zumal in Krisenzeiten, ehrenwert zu finden, wenn auch etwas kitschig. Die Freiheit sollte man sich nehmen.

Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails. Aus dem Englischen von Rita Seuß, C. H. Beck Verlag, München 2016. 450 Seiten, 24,95 €.

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