Kultur : Das neue Bundespresseamt: Die wiedergewonnene Geschichte

Bernhard Schulz

Im Zeitalter der Mediendemokratie gibt es für eine Regierung keine wichtigere Behörde als das Presseamt. Einblick in dessen Arbeit konnten Hunderte von Journalisten am gestrigen Abend gewinnen. Zum Abschluss ihres etappenweisen Umzuges - und der Vorstellung ihrer stark modernisierten Arbeitsweise mit Internet und Echtzeit-Information - hatte die Behörde in ihr nunmehr komplettiertes Domizil nahe dem Bahnhof Friedrichstraße geladen.

Auch das Gebäude trägt seinen Teil zu dem Bild bei, das sich die Öffentlichkeit von einer solchen Regierungsbehörde macht. Wenn davon die Rede ist, dass sich die "Berliner Republik" in allzu weit geschnittenen Anzügen präsentiere, so gilt dies ausgerechnet für das - mit 15 680 Quadratmetern Hauptnutzfläche nicht eben kleine - Bundespresseamt am wenigsten. "Umnutzung" war auch hier geboten, wo es galt, Vorgängerbauten aus gleich drei Epochen des 20. Jahrhunderts zu verwenden; zudem Ergänzung, weil die Anforderungen des heutigen Medienbetriebs spezielle Raumformen verlangen. So stand denn die Arbeit des nach einem Wettbewerb im Jahre 1995 beauftragten Architektenbüros KSP Engel und Zimmermann unter dem selbst gewählten Motto "ergänzen - verwandeln - erneuern". Die "ergänzten" Teile, insbesondere das Presse- und Besucherzentrum auf der Grundstücksecke am Reichstagufer, erlebten zur Bundestagswahl 1998 einen ersten Auftritt. Die "verwandelten" Teile, vor allem der DDR-Plattenbau an der Dorotheenstraße, bergen auch in sichtbar aufgefrischter Form wieder Büros und wurden zwischenzeitlich bezogen. Die "erneuerten" Bauteile aber - gleichfalls an der Dorotheenstraße, doch die gesamte Grundstückstiefe bis zum Spreeufer füllend - sind jetzt erst abgeschlossen worden und geben dem Gebäudeensemble seine historische Dimension.

Der Begriff "Ensemble" ist hier wie selten am Platz. Insgesamt acht Bauteile verbinden sich zu einem Organismus, der nicht nur alle Funktionen "vernetzt", sondern noch dazu intensive Bewegung verlangt. Wie anders sollte man die zahllosen Flure deuten, die Treppenhäuser, die Haupt- und Nebengänge! Ein nicht geringer Reiz - und für die Mitarbeiter zweifellos eine Frage der Gewöhnung - sind die Vor- und Rücksprünge bei den Gebäudeanschlüssen, die Höhenunterschiede, für den Betrachter vor allem aber: die Stil-"Brüche", die vermittelt werden durch das ungemein noble Gestaltungskonzept von KSP, das alle Wände in schlichtem Weiß gehalten hat, die (neu, aber in den historischen Profilen gefertigten) Fensterrahmen in sattem Grau und die Zimmertüren in warmem Schweizer Birnbaum; dazu zeitlose Kugelleuchten.

Wohl nur in einer derart preußisch-sparsamen Gestaltung konnte die Verbindung der heterogenen Bauteile glücken. Ihre unterschiedlichen Sprachen sprechen die Bauten in den Fassaden und öffentlichen Raumteilen. Da hat sich nun in der Doroetheenstraße etwas ganz Außerordentliches ereignet. Der hellrote Putzbau, in den sich die schauerliche, im DDR-Endstil der späten achtziger Jahre dekorierte "Platte" verwandelt hat, akzentuiert lediglich von markanten Metall-"Manschetten" um die quadratischen Lochfenster, leuchtet schon seit längerem in diesem bislang von Baustellen bestimmten Quartier. Den schmalen Bauteil daneben kann recht erst deuten, wer das Innenleben des Gebäudekomplexes kennt; es ist die Stirnwand des Bürotraktes, den KSP an die Brandwand des ehemaligen Postscheckamtes angefügt hat. Dieses Gebäude aber bildet nun den Blickfang in der Dorotheenstraße.

Da erhebt sich wieder, als habe es Krieg und Nachkriegsbanalisierung nicht gegeben, die wunderbare, von Palladio inspirierte Fassade, die Hermann Blanmkenstein 1884 einer typischen Berliner Markthalle gegeben hat. Über einer zweigeschossigen, bogenförmigen Tordurchfahrt erheben sich zwei weitere Vollgeschossen, deren Doppelfenster durch Terrakottareliefs geteilt sind, wie sich auch unter dem Flachdach ein Terrakottafries entlangzieht. Herrliche Sandsteinlaibungen betonen die Fenster innerhalb der backsteinernen Mauerwerksfassade, auch die unteren Geschosse und das prächige Tor sind in Sandstein gefasst. Der ganze - die umgebende Kargheit nicht leugnende, sondern zur Tugend adelnde - Formenreichtum der späten Schinkelschule ist aufgeboten. Eine Augenweide - und das Lehrbuchblatt einer Epoche, die bald im Prunk des Wilhelminismus untergehen sollte.

Tatsächlich wurde die Markthalle im Gebäudeinneren bereits 1913 durch das Postscheckamt ersetzt. Der Kopfbau an der Dorotheenstraße erfuhr vom Architekten der angrenzenden Bauten gleichwohl eine höchst respektvolle Behandlung. Gleichgültig zeigte sich erst die DDR, die die Fassade kurzerhand mit Putz glättete. So kam sie über die Zeiten; die an Stelle der eigentlichen Markthalle errichtete, glaskuppelgekrönte Kassenhalle war bereits ein Opfer der Bomben geworden. Erste Überlegungen zur Nutzung der historischen Substanz orientierten sich an dem Wenigen, das man erhalten glaubte. Die Rekonstruktion des Ursprungszustandes kam zumal für die Berliner Denkmalpflege, die dogmatisch den jeweiligen Zufallsbestand verteidigt, nicht in Frage.

Genau das aber ist jetzt geschehen. Es zeigte sich nämlich, dass Originalsubstanz in bemerkenswertem Umfang erhalten war; zumal in Sandstein und Terrakotta statt des vermuteten, billigeren Stucks. Ein erster Vorschlag von KSP sah eine bloß virtuelle Rekonstruktion in Gestalt einer vorgehängten Glasfassade mit fotografischem Abbild vor, das über den sichtbar gemachten Originalteilen eine Ahnung des Damals vermitteln sollte. Als aber die Möglichkeit einer vollständigen Rekonstruktion überzeugend nachgewiesen werden konnte, drängte auch das Büro KSP auf dieses, für Berlin leider ungewöhnliche Verfahren.

Historisches historisch belassen, Neues neu schaffen - in dieses einfache und doch so schwierige Prinzip lässt sich die Arbeit der Architekten fassen. Die einstige Kassenhalle zeigt sich heute in Gestalt einer vollverglasten Kuppel über acht schlanken Betonstützen; sie dient Pressekonferenzen und wird gefasst von den - früher so nie sichtbaren - Fassaden der beiden Bauteile des Postscheckamtes von 1916 und 1923. Der ältere Bauteil besitzt eine wunderbare Treppenhalle im nüchtern-monumentalen Stil kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, die der Besucher des Presseamtes nach dem Durchschreiten des Torbogens und eines offenen Zwischenhofes passiert. Auch eine derartig differenzierte Folge kann heutzutage als Beispiel für räumliche Inszenierung nicht hoch genug veranschlagt werden.

Das Neue kommt zu seinem Recht, wo es am Platze ist. Spektakulär ist die handtuchschmale Bebauung, die an die - nunmehr von zahlreichen Türen durchbrochene - Brandwand des Postscheckamtes zum freistehenden Würfel des "Presse- und Besucherzentrums" hin angefügt wurde. Über die ganze Länge hinweg verglast, birgt sie hinter dem Sonnenstand folgenden Lichtleitlamellen ein kompliziertes System passiver Klimatisierung. In diesem lichtdurchfluteten Bauteil befindet sich unter anderem die Nachrichtenzentrale als Herzkammer des regierungsamtlichen Informationssystems. Das Besucherzentrum selbst erhebt sich auf den Grundmauern eines DDR-"Fresswürfels", einer Kantine, die in diesem nach Kriegszerstörungen freigeräumten Grundstücksteil ohne Berücksichtigung der alten Baufluchtlinien hineingeklotzt worden war. Jetzt, da auf den bisherigen Freiflächen neben dem Bahnhof Friedrichstraße mächtige Bürobauten heranwachsen, dürfte diese gering verdichtete "Restfläche" städtebaulich umso willkommener sein.

Unter den zahlreichen, für die Hauptstadt wiedergewonnenen Altbauten nimmt das für insgesamt knapp 218 Millionen Mark errichtete Bundespresseamt wegen seiner verschachtelten Geschichts- und Baustruktur eine besondere Stellung ein. Der Kompromiss von Alt und Neu ist hier auf vorbildliche Art gelöst worden: so nämlich, dass kein Kompromiss herauskam. Vielmehr kann sich das Neue kraftvoll als Neues zeigen, während das Historische wieder ungeschmälert historisch werden durfte.

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