Kultur : Das Neue und das Alte

Bernhard Schulz

Als vor elf Jahren eine gelbe Plastikfolie das 1950 abgerissene Berliner Schloss simulierte, redete sich alle Welt die Köpfe heiß. Bei der roten Plane, die derzeit die 1961 von der nämlichen DDR beseitigte Bauakademie vorstellt, gibt es eine vergleichbare Kontroverse nicht. Sinn und Notwendigkeit einer Rekonstruktion dieses, 1836 fertig gestellten Ziegelkubus stehen unmittelbar vor Augen. Es ist nachgerade mit Händen zu greifen, dass mit ihm eine neue Architektur einsetzte, die Jahrzehnte der Bautätigkeit in Preußen prägen sollte. Natürlich gibt es Gegner auch dieses Wiederaufbaus; manche bemächtigen sich des Schinkel-Ausspruchs „Überall ist man nur da wahrhaft lebendig, wo man Neues schafft“. Ganz recht, so hat Schinkel gedacht; aber nicht so kurz. „Zuvörderst ist zu erwägen, was unsere Zeit in ihren Unternehmungen der Architektur notwendig verlangt“, so ein weiteres Schinkel-Wort: „Zweitens ist ein Rückblick auf die Vorzeit notwendig, um zu sehen, was schon zu ähnlichen Zwecken vormals ermittelt ward und was davon für uns brauchbar und willkommen sein könnte.“ An der Bauakademie lässt sich erfahren, wo die Architektur der Moderne ihren Anfang nahm. Bei Schinkel allerdings niemals als Bruch verstanden: Denn ebenso betonte er als „zwei wesentliche Elemente“ der Architektur „das Historische und das Poetische“. Dafür stand das – für Heutige schwer zu entziffernde – Bildprogramm des Terrakotta-Dekors an den Akedemiefassaden. Alt und neu verhalten sich komplementär zueinander; ohne das eine kann das andere nicht sein.

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