Kultur : Das Nullstundenspiel

„Die dritte Front“: Eine Ausstellung im Schloss Rheinsberg erkundet die Literatur in Brandenburg zwischen 1930 und 1950

Kerstin Decker

Der 16-Jährige schreibt: „Ich will mithelfen, mein deutsches Volk wieder deutsch zu machen. Und wenn ich dann aus der Arbeitsstube nach Hause zurückkehre, möchte ich über die Schwelle meiner Wohnung in ein schlichtes deutsches Heim treten. Eine deutsche Frau soll mich empfangen.“ Es sei denn, es ergebe sich „die Gelegenheit, fürs Vaterland sterben zu dürfen.“

In den letzten Jahren ist es häufiger geschehen, dass frühere Zeugnisse oder Mitgliedschaften Minderjähriger moralisch gegen sie verwendet werden. Das sagt viel über die geistige Verfasstheit eines Landes, bedeutet es doch, eine Infantilität durch eine andere zu überbieten. Aufschlussreich ist diese Lebensvision des späteren Schriftstellers und Kulturarbeiters Heinrich Scurla trotzdem: wie einer mit 16 schon so uralt sein. Scurla schaffte es, sich zuerst bei den Nationalsozialisten einen mittelgroßen Namen zu machen und bei den Kommunisten noch einmal.

Um Menschen wie Scurla geht es der Rheinsberger Ausstellung „Die dritte Front. Literatur in Brandenburg von 1930 – 1950“, ausgerichtet vom Brandenburger Literaturbüro in Kooperation mit der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, unterstützt von der „Stiftung Aufarbeitung“. Kein schlechtes Thema. Dass aus einem Nazi-Schriftsteller ein „sozialistischer“ Schriftsteller wurde, war nicht der Normalfall. Die junge DDR schaute im Allgemeinen sehr genau hin, wer da in ihrem Namen sprach. Allerdings nimmt die Ausstellung das Thema auf und lässt es sofort wieder liegen. Einen roten Faden sucht der Betrachter vergebens.

Schon der Name „Die Dritte Front“ ist erklärungsbedürftig. Er übernimmt den Titel eines Buches, dass der inzwischen zum Oberregierungsrat aufgestiegene Visionär des Deutschtums Scurla 1940 veröffentlichte. Die dritte Front, das sei die geistige Kampflinie neben der militärischen und der ökonomischen. Es soll also eine Ausstellung sein über jene 20 Jahre Literatur in Brandenburg, in der auch Bücher zu Frontereignissen wurden, wobei die Frontenwechsler naturgemäß am interessantesten sind. Aber außer Scurla ist da eigentlich nur noch die Germanistin Anneliese Bretschneider zu nennen. Die Blut-und-Boden-Ideologin und Theo-Lingen-Denunziantin arbeitete in der DDR weiter an ihrem Lebensprojekt, dem „Berlinisch-Brandenburgischen Wörterbuch“. Aber waren Scurla und Bretschneider wirklich Frontenwechsler? Haben beide nicht vielmehr in beiden Systemen verfolgt, was sie ihr Leben lang interessierte? Doch selbst der lesenswerte Begleitband macht an dieser Stelle Halt: Warum die Linguistin nach dem Krieg weitermachen durfte, erklärt er nicht.

Im Falle Scurlas erfuhren die DDR-Behörden erst Mitte der Fünfzigerjahre, dass der Autor verdienstvoller Bände über Heine oder Rahel Varnhagen ein bedenkliches literarisches Vorleben hatte. Aber auch Scurla ging es weiter um die deutsche Identität – bessere Kronzeugen als jene aus der Zeit der (romantischen) Selbstentdeckung der Nation hätte er nicht finden können.

Wahrheit ist ja nicht das einfache Gegenteil des Falschen. Sie ist eine Nuancierung. Und plötzlich steht man vor Abgründen. Die Scham vor sich selber ist nicht einforderbar. Aber es spricht einiges dafür, dass Scurla sie kennen gelernt hat: So will er mit seinem Varnhagen-Buch „jene unbekannten und ungenannten deutschen Frauen jüdischen Glaubens mahnend und beschwörend in unser Gedächtnis zurückrufen“, die ein Jahrhundert nach Rahels Tod einer „bestialischen Unmenschlichkeit“ zum Opfer fielen. Scurlas Buch erschien 1978 auch im Westen, erstaunlicherweise ohne diesen Abschnitt.

„Die dritte Front“, ein Thema für geistige Präzisionsbestimmungen, ist nur bedingt ausstellungstauglich. Die Rheinsberger Ausstellung, die auf Tournee gehen soll, stiftet jedenfalls weltanschauliche Verwirrung der skurrilsten Art. Von denen, die (vielleicht zu Recht) kaum einer mehr kennt, bleiben Fotos, ein paar Dokumente, ein paar Sätze. An der Vorderseite einer Schautafel steht „Zeitenwende I. Vom Nationalismus zum Nationalsozialismus“, auf der Rückseite steht „Zeitenwende II. Vom Neuanfang zum Kalten Krieg“ – und davor liegen Nazi-Bücher wie „Frontsoldaten wollen den Frieden“. Aha, denkt man, also irgendetwas Zwielichtiges aus der (werdenden) DDR. Aber es handelt sich um die „Reichsfrontdichter“, die anlässlich ihres Treffens 1938 in Guben ein eigenes „Reichsfrontdichterheim“ bekamen. Drei Schritte weiter lesen wir auf der Tafel „Zeitenwende II“, worin diese bestand: Der Schriftsteller Kellermann „ließ sich verstärkt für die propagandistischen Zwecke der Besatzungsmacht einspannen“. Man rechnet mit dem Übelsten und erfährt dann, dass Kellermann Präsident der „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“ geworden ist. Worin besteht eigentlich der Ungeist einer Gesellschaft zum Studium der Kultur eines fremden Landes?

Im nächsten Raum liegt die Zeitschrift „Sinn und Form“, herausgegeben von Peter Huchel, mit einer Becher-Hymne an Stalin neben der Hymne „Dem Führer“ von Hanns Johst. Man kann das machen. Aber wer ist Hanns Johst? Auch wenn die unbeleseneren Ausstellungsbesucher jetzt glauben werden, „Sinn und Form“ sei das DDR-Pendant zu Nazi-Kulturzeitschriften und einer wie Huchel ihr Oberideologe. Trotzdem: Man darf alles vergleichen. Die Analogie ist der Beginn aller Erkenntnis. Und sie ist der Beginn aller Dummheit, wenn es bei der Analogie bleibt.

In der Rheinsberger Ausstellung „Die dritte Front“ bleibt alles dabei. Der Blick aus Fenstern des Schlosses ist ungleich erhellender. Und in den vorderen Räumen wartet die schöne Tucholsky-Dauer-Ausstellung.

Bis 25.4. im Schloss Rheinsberg, vom 4.9. bis 31.10. in Potsdam, geöffnet täglich außer Montag bis 17.00 Uhr, Eintritt 2 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben