Kultur : Das öffentliche Gedächtnis

WOLFGANG THIERSE

In Kürze wird der Deutsche Bundestag über das geplante Holocaust-Denkmal in Berlin diskutieren.Er setzt ein Zeichen dafür, daß dieses schreckliche Kapitel deutscher Geschichte nicht abgeschlossen ist und auch nicht abgeschlossen werden darf.Aber es gilt zu entscheiden, welcher Form die kollektive Erinnerung daran bedarf.

Daß der Mensch von Natur aus ein "vergessendes Lebewesen" ist, war schon den alten Griechen bewußt.Ohne die Fähigkeit zu vergessen wäre die Komplexität unserer Lebensumstände kaum zu bewältigen.Das gleiche gilt aber auch für den Gegenpol, für die Fähigkeit, das Bedeutungsvolle im Gedächtnis zu bewahren.Der heilenden Kraft des Vergessens steht die Kraft des Andenkens und Erinnerns gegenüber.Das hat uns insbesondere das 20.Jahrhundert mit seinen totalitären Diktaturen gezeigt.Für uns Deutsche ist es eine Pflicht, die Erinnerung an die Inhumanität des nationalsozialistischen Schreckensregimes zu bewahren - um unserer Zukunft willen.

Wenn wir heute die Würde der Person, ihre Freiheit und ihre Menschenrechte dauerhaft festigen wollen, ist es unerläßlich, über den persönlichen Bereich hinaus im gemeinschaftlichen Gedenken die Erinnerung an die Barbarei nationalsozialistischer Herrschaft lebendig zu halten.Sie ist eine der wichtigen Ursprungsquellen in der Bundesrepublik Deutschland für die Mobilisierung jener Kräfte, die die Humanität des gesellschaftlichen Miteinanders verbürgen.Es gibt keine kollektive Schuld, aber das heißt nicht, daß die Katastrophe von 1933 bis 1945 im kollektiven Gedächtnis der Deutschen getilgt werden dürfte.In ihm muß vielmehr unser fester Wille aufbewahrt sein, nie wieder eine solche schreckliche Diktatur, in welcher Form auch immer, zuzulassen.Es ist deswegen die Aufgabe der jetzigen wie der künftigen Generationen, durch die Übernahme der politischen Haftung Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen und das Bewußtsein für die von einem deutschen Staat begangene Unmenschlichkeit wach zu halten.Die Sorge um die Erinnerung darf deswegen keine lästige Trauer sein und schon gar nicht in formeller Ritualisierung erstarren.Vielmehr bedarf sie immer wieder neuer Anstöße und Formen, um sie lebendig zu erhalten.

Daß dieses nicht leicht ist und oft zu heftigen Kontroversen führt, haben die letzten Jahrzehnte gezeigt.Das gilt auch für das Für und Wider um das geplante Holocaust-Denkmal.Konsens für alle Beteiligten ist, daß wir Erinnerung festhalten und sichtbar machen müssen: an Gedenktagen, durch Mahnstätten, mittels Dokumentationen in Wort und Bild.Aber brauchen wir auch eine zentrale Gedenkstätte, ein zentrales Holocaust-Mahnmal? Bedarf es für das Gedenken einer materiellen Dinglichkeit, oder wäre es sinnvoller, auf die Kraft der Erinnerung vor allem durch geistige Auseinandersetzung zu bauen? Kann es überdies gelingen, Gedenken mit ästhetischen Kriterien zu verbinden, kann Kunst einen angemessenen Ausdruck für die Erinnerung an Rassenwahn und Völkermord finden? Und wenn ja, ist dann die konkrete Monstrosität des Holocaust ästhetisch faßbar? Gerade weil es kein Monopol für das richtige, korrekte Gedenken gibt, weder moralisch noch politisch noch künstlerisch, ist eine Diskussion über diese Fragen unausweichlich und sinnvoll.

Es ist ein Stück Selbstaufklärung der Gesellschaft, wenn sie öffentlich darüber diskutiert, wie sie mit der Vergangenheit, mit der Erinnerung an die Zeiten der Inhumanität und Menschenverachtung, der Diskriminierung und des Genozids, umgehen kann und will.Gerade deswegen gehört diese Debatte um das geplante Holocaust-Denkmal auch in unser Parlament.Der Deutsche Bundestag ist das Forum der Nation, an dem die wichtigen Fragen aufgenommen und verhandelt werden.Es gilt zu klären und zu entscheiden, was mit einem solchen Mahnmal ausgesagt und wie dieses vermittelt werden kann.Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier werden dies nicht isoliert tun.Die öffentliche Kontroverse ist das Lebenselixier unserer Demokratie.Deshalb ist es gut, wenn der Denkmalsstreit nicht nur von einzelnen Politikern, Intellektuellen oder Architekten geführt wird, sondern so viele Bürger wie möglich erreicht und einbezieht.Es wäre ein großer Gewinn für unsere Demokratie, wenn es dann zu einer Entscheidung käme, die sowohl die Impulse des bisherigen Bürgerengagements als auch die Anregungen der staatlichen Einrichtungen für ein Holocaust-Monument integriert.

Durch die Vorschläge des Kulturbeauftragten Naumann ist inzwischen eine neue Situation eingetreten.Im Deutschen Bundestag werden deshalb voraussichtlich zwei Alternativen zur Diskussion und Entscheidung stehen.Zum einen geht es um den Entwurf des Künstlers Peter Eisenman für ein Holocaust-Mahnmal, das aus einem begehbaren Labyrinth von 2700 Betonstelen besteht.Zum anderen befürwortet Naumann ein "Haus der Erinnerung" mit einer ständigen Ausstellung und einer Bibliothek.Möglicherweise - so lautet ja der jüngste Vorschlag - wird aber auch eine Synthese verwirklicht, die Elemente aus beiden Vorschlägen aufnimmt.Ich selbst befürworte ein aktives Mahnmal im Zentrum unserer Hauptstadt, das nicht zu einer ins Abstrakte tendierenden Pathos-Formel werden darf, sondern zur emotionalen und intellektuellen Erinnerungsarbeit herausfordert.

Mit einbezogen in die Bundestagsdebatte wird zugleich die Frage, ob ein Mahnmal oder ein Denkmal angemessen ist, ob eine Stätte eher stillen Gedenkens oder eine aktiver Auseinandersetzung bessere Zugänge zu kollektiver Erinnerung ermöglicht.Und es wird zu klären sein, ob es, wie ursprünglich geplant, ein Mahnmal für die ermordeten Juden in Deutschland und Europa sein soll oder eines, in dem sich alle Opfergruppen erkennen können.

In Hinblick auf die Debatte im Deutschen Bundestag werden in den kommenden Tagen möglichst im Konsens aller Bundestagsfraktionen eine Reihe von Fragen zu klären sein.Dabei wird es um den Zeitpunkt der Entscheidung, den Gegenstand und um den Verlauf der Abstimmung sowie um die Einbeziehung der Bundestagsabgeordneten, des Initiativkreises und des Berliner Senats gehen.Da hier in besonderer Weise politische, moralische und ästhetische Bezüge zum Tragen kommen, ist es notwendig, ohne Fraktionszwang zu entscheiden.

Das historische Gedächtnis ist immer eine öffentliche Angelegenheit.Die Diskussion um das geplante zentrale Holocaust-Mahnmal hat nicht nur zu einer Formung des öffentlichen Bewußtseins beigetragen, sondern ist selbst zu einem gewichtigen Teil intellektuell-moralischer Erinnerungsarbeit geworden, auf die ein Mahnmal zielen muß.Um der Gerechtigkeit für die Opfer und um unserer Freiheit willen haben wir Sorge dafür zu tragen, was wir in unserem kollektiven Gedächtnis behalten wollen und mit welchen Formen dieses angemessen geschehen kann.

Der Autor ist Präsident des Deutschen

Bundestages.Wolfgang Thierses Text fußt auf einem Vorwort zu der unlängst im Pendo Verlag erschienen Debatten-Dokumentation "Das Holocaust-Mahnmal."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben