Kultur : Das offene Haus

Ikea-Möbel und Computer: Viel mehr steht noch nicht drin, aber seit Freitag gibt es in Bagdad wieder ein deutsch-irakisches Kulturzentrum

Andrea Nüsse

Scharfschützen stehen auf den Dächern der umliegenden Hochhäuser. Die irakische Polizei hat die Zufahrt von der Haifa-Straße in der Innenstadt Bagdads abgeriegelt. Taschenkontrollen und Leibesvisitationen am Eingang der historischen Backsteinvilla aus den Dreißigerjahren. Auf der erhöhten Veranda und im Garten stehen Beamte des Bundesgrenzschutzes auf Posten, die Waffen im Anschlag.

Das Sicherheitsaufgebot gilt ausnahmsweise einmal der Kultur. In der Villa – einem der wenigen erhaltenen historischen Gebäude Bagdads – ist vergangenen Freitag das erste Deutsch-Iakische Kulturzentrum nach dem Sturz Saddam Husseins eröffnet worden. Ein symbolträchtiger Akt an einem historischen, nicht minder symbolträchtigen Datum: Einen Tag vor dem 20. März, dem ersten Jahrestag des amerikanisch-britischen Angriffs auf Irak. Neubeginn und Völkerverständigung sollen hiermit signalisiert werden. Doch genau das ist den Terroristen ein Dorn im Auge.

Dennoch sind irakische Intellektuelle, Literaturkritiker, Übersetzer und andere Künstler zahlreich zu einem der wenigen gesellschaftlichen Ereignisse gekommen, die dieser Tage in Bagdad stattfinden. Der Kulturminister des von den Vereinigten Staaten eingesetzten Regierungsrates, Mufid al Gaza’iri, betont, wie entscheidend der Aufbau einer Zivilgesellschaft für den neuen Irak sei. Der amtierende deutsche Geschäftsträger Erbel freut sich, dass die deutsche Kultur ab sofort in Bagdad wieder ein Haus habe, in der die geistige Auseinandersetzung gepflegt werden könne. Damit knüpfe man an eine lange Tradition des Austauschs zwischen beiden Ländern an. Und dies noch bevor „hoffentlich bald“ die offiziellen Institutionen wie Goethe-Institut Inter Nationes, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) oder die diversen politischen Stiftungen nach Bagdad zurückkehrten.

Das Kulturzentrum geht auf die Initiative der irakischen Dichterin Amal-al-Jubouri zurück, die seit 1997 in Berlin im politischen Exil lebte. Dort hatte sie 2002 zusammen mit dem Dichter Adonis und Festspiele-Chef Joachim Satorius den deutsch-arabischen Kulturverein „West-östlicher Diwan“ gegründet. „Es war mein Traum, ein Pendant dazu in meiner Heimatstadt Bagdad zu eröffnen“, erzählt al-Jubouri in einem Büro im Erdgeschoß. Noch ist das Haus, aus Mitteln des Auswärtigen Amtes renoviert, zwar relativ leer – sieht man einmal von ein paar Ikea-Möbeln und Computern ab, die per Container aus Deutschland angekommen sind. „Aber es ist voller Ideen“, schwärmt die enthusiastische Irakerin mit den langen schwarzen Haaren.

Ein deutsches Filmfestival und ein Seminar über Johann Wolfgang von Goethe und die arabische Welt sind bereits im Herbst geplant. In einem Verlag, der dem Haus angeschlossen ist, soll außerdem deutsche Literatur ins Arabische übersetzt werden. „Niemand in der arabischen Welt kennt beispielsweise den Dichter Hans Magnus Enzensberger“, meint die Dichterin, die selbst mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Die Menschen in Irak seien regelrecht „hungrig“ nach Kontakten mit der Außenwelt, von der sie wegen Krieg und Sanktionen seit Jahrzehnten abgeschnitten waren.

Wenige Schritte weiter, in einer zweiten Backsteinvilla, soll eine deutsche Schule aufgebaut werden. Zunächst sollen zwanzig Mädchen eines Waisenhauses hier ab nächster Woche intensiven Deutschunterricht erhalten. „Bei uns und bei der deutschen Botschaft stapeln sich die Anfragen nach der deutschen Schule“, erzählt Amal-al-Jubouri nicht ohne Stolz. Bisher stehen jedoch nur ein paar Dozenten der germanistischen Fakultät und einige private Sponsoren zur Verfügung. „Damit sich auch die zweite Hälfte unseres Traums erfüllt, brauchen wir dringend finanzielle Unterstützung.“

Weitere Informationen unter:

West-östlicher Diwan e.V., Kronenstraße 43, 10117 Berlin, tel 030/20.61.99.81

e-mail: verein@diwanev.com

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