Kultur : Das Ohr des großen Bruders

HANS-JÖRG ROTHER

Schon die ersten Einstellungen gehen unter die Haut: das erbitterte Gesicht eines Mannes am Fenster, Bauern unter Regenschirmen auf dem Dorfplatz, die ohne eine Miene zu verziehen, die Ansprache eines verschlagen und ängstlich blickenden kleinen Redners vernehmen, dem ein kümmerlicher Schulchor zur Seite steht.Wenig später führen die Enteigneten ihr Vieh die Straße herab, ein gleichförmiger Vorgang, den Schüsse in einem fernen Gehöft unterbrechen.Die Genossen der frisch gegründeten Genossenschaft fahren aus ihrem Siegestaumel.Ein Großbauer hat seine Kühe und sich erschossen.Der 1967 entstandene Film heißt "Die Nacht der Braut".Die Tochter des Bauern wird sich als Himmelkönigin einkleiden und die Leute zu einem stummen, folgenlosen Protest gegen den auf ihnen lastenden Druck bringen.Die Kamera Josef Illiks leistet sich keinen Schwenk.Sie wartet auf die Bewegung im tiefen Bild.Die Entscheidung für schwarz-weiß und Cinemascope ging in der mährischen Winterlandschaft bestens auf.Heute, wo die Zwangskollektivierung kein Thema mehr darstellt, geht die suggestive Wirkung allein von der filmischen Form und den meist verschlossenen Gesichtern aus."Eine neue Perspektive zu schaffen, ein moralisches Ziel für die Menschheit setzen", nach nichts Geringerem strebte Karel Kachyña in jener Zeit.

Nach dem Ende des Prager Frühlings inszenierten Kachyña, Illik und ihr Drehbuchautor Jan Procházka die bitterscharfe Komödie "Das Ohr".Hier konnte die Kamera keine frei atmenden Bilder mehr entwerfen, sondern mußte sich auf das Labyrinth eines Maulwurfsbaues in Gestalt der Villa eines stellvertretenden Ministers einlassen, um nichts als erbarmungswürdige Furcht festzuhalten.Procházka, der dem alten ZK der Partei angehört hatte, kannte die Fallen des Systems: Ludvik und seine Frau Anna finden, nächstens von Empfang und Sauforgie beim obersten Genossen heimkehrend, ihre Schlüssel nicht, dafür Strom und Telefon abgeschaltet.Durch den Garten schleichen Stasi-Späher.Hastig vernichtet Ludvik belastende Papiere.Als wieder das Licht brennt, entdecken er und die angetrunkene Anna in jedem Raum eine Abhörwanze.Das "Ohr" hatte alle Gespräche mitgehört.Keine Verhaftung bereitet dem Spuk ein Ende: Ludvik wird zum Minister ernannt.Ein ergebener Diener weiß sich in der Hand der Macht.Der Film durfte erst nach 20 Jahren, 1990, die Öffentlichkeit das Fürchten lehren.

Karel Kachyña, dessen langer Film vom Kriegsende "Es lebe die Republik" (1965) am Anfang dieser Hommage steht, hat den Rauswurf aus dem Studio nicht hingenommen.Die Vorkriegsgeschichte "Liebe zwischen Regentropfen" (1979) und "Der Tod der schönen Rehe", eine Literaturverfilmung aus dem Jahr 1986, stehen für sein Schaffen in der Periode der "Normalisierung".Die Filmfestspiele in Venedig zeichneten den Regisseur 1986 für sein Lebenswerk mit einem Goldenen Löwen aus.1971 ist er, erst 42jährig, gestorben.

20 Uhr im Tschechischen Zentrum: "Es lebe die Republik" (26.10.), "Die Nacht der Braut" (27.10.), "Das Ohr" (28.10.), "Liebe zwischen Regentropfen" (29.10.), "Der Tod der schönen Rehe" (30.10.); OmU.

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