Kultur : Das Ohr zur Welt

Lieber unbequem, lieber Sand als Öl im Getriebe: die „Woche des Hörspiels“ in Berlin

Verena Friederike Hasel

Marthas Beziehungen währen so lange wie einmal Zähneputzen. Drei Minuten läuft sie neben Menschen auf der Straße her und stellt sich vor, wie ein Leben mit ihnen wäre. Bei der Frau mit dem eiligen Staccato-Schritt wird sie zur bewundernden Freundin, neben dem Busfahrer, der seine ausgebeulte Tasche vor- und zurückschwingt, ist sie die viel geliebte Tochter. Als Filmcharakter wäre Martha empörend – was soll die Leinwand mit einer, die nur läuft und schaut und nicht spricht. Als Hauptfigur in „Nebeneinander gehen“, dem ersten Hörspiel der 36-jährigen Dunja Arnaszus, heute Abend im Wettbewerb der „Woche des Hörspiels“, hat Martha es jedoch glücklich getroffen: Durch den Einsatz des inneren Monologs kann der Zuhörer mitschwimmen in ihrem Gedankenstrom. Für Arnaszus ist diese Intimität der ureigene Schatz eines jeden Hörspiels, und ihre spezifische Erzählweise spiegelt sich in Marthas Verhalten: Genau wie diese sich in die Wirkungswelt der Passanten begibt, um sich kurz darauf wieder zu entfernen, zieht Arnaszus ihre Hörer an sich heran und entlässt sie dann. Die minutiöse Beschreibung des Stilllebens auf Marthas Computertisch – schwerer blauer Kugelschreiber, zwei Aufkleber von französischen Fußball-Nationalspielern der WM 1986, eine Haarschneideschere – ist ein Moment der Bindung. Wenn Martha danach auf die Straße tritt, öffnet sich der Fantasieraum, dem Zuhörer zur freien Ausgestaltung überlassen.

Mit ihrem Rückzug in die Seelenwelt einer Figur hält es Arnaszus mit den Gepflogenheiten des Hörspiels der 50er Jahre: Damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, war das Außen zerstört und das Innen verstört – seiner nahmen sich Autoren wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Ingeborg Bachmann in ihren Radiostücken an. Hans Werner Richter sagte einmal, dass die Schriftsteller damals fast alle vom Hörspiel lebten, und so bekam es eine literarische Färbung – überaus wortzentriert, mit lyrischen Elementen durchsetzt. Für die Deutschen wurde es zur wichtigsten kulturellen Abendveranstaltung: Rund 40 Prozent der deutschen Haushalte stellten in den 60er Jahren pünktlich zu Hörspielbeginn um 20 Uhr die Rundfunkgeräte ein. Auch praktische Lebenshilfe erhoffte man sich dort vor den Radios: Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, 1951 gestiftet, sollte jedes Jahr, so hieß es, dem Stück verliehen werden, das dabei helfe, mit dem Dasein fertig zu werden. Diese Ehrung wurde Günter Eich für sein stilbildendes Hörspiel „Träume“ aus dem gleichen Jahr nicht zuteil, er erhielt den Preis erst später. Das Stück mit den fünf albtraumhaften Episoden, mit seinem berühmtem Satz „Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“ behagte den Menschen nicht: „Wir kommen abends müde von der Arbeit“, schrieb ein Hörer. „Wir wünschen nicht zu aufregenden oder mühevollen Gedanken und Empfindungen geweckt zu werden.“

Auf der „Woche des Hörspiels“ wird es eine Werkschau Eichs geben, zusammengestellt von Hermann Bohlen. Der Berliner ist selbst eher Akustikkünstler als Radioliterat; 2000 hat er den Plopp!-Wettbewerb der Hörspielwoche ins Leben gerufen – ein Forum für alle Audio-Frickler. Für seine eigenen Werke benutzt Bohlen statt Studioerzeugnissen Tondokumente des Alltags: Eines seiner Stücke bildet collagenartig das eifrige Dokumentationsgebaren von Eltern in den 60er Jahren ab, die, mit einem Tonbandgerät bestückt, ihre Kinder auf Familienfesten unablässig zu O-Tönen nötigten – „Sag doch auch mal was!“ der folgerichtige Titel. Damit bewegt sich Bohlen im Gegensatz zu Dunja Arnaszus in der Tradition des Neuen Hörspiels – eine Richtung, die sich in den 60er Jahren herausschälte, als das Fernsehen das Geschichtenerzählen zu vereinnahmen begann. Das Hörspiel wandelte sich vom Spiel zum Anhören zum Spiel mit dem Klang. An die Stelle von Figuren sollten, so forderte es der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, autonom gesetzte Klänge und Sprachelemente treten. Handlung erfolgte nicht mehr durch Sprache, sondern Sprache selbst wurde zur Handlung, das Wort wurde nicht mehr poetisiert, sondern gebrochen: In „Freiheit oder ca ne fait rien“ von 1967 montierte Wolf Wondratschek fünf Reden über Berlin, in denen er das Wort „Freiheit“ durch eine Pause ersetzte. Andere wie Friederike Mayröcker bedienten sich der Effekte der neu entwickelten stereofonen Aufnahmetechnik: In ihrer „Arie auf tönernen Füssen“ von 1970 ist eine Figur in drei Aspekte gespalten. Akustisch unterscheidbar werden sie durch getrennte Raumpositionen.

Dass Experimentelles und Literarisches Platz auf dem Festival finden, ist eine seiner Qualitäten. Schließlich lösen beide Formen ein, was Martin Walser, selbst Autor von Hörspielen, einmal forderte: Nie solle das Mikrofon notwendiges Übel, sondern stets der einzig mögliche Ort für die Realisierung sein. An ihrem Ort, der Straße, begegnet Martha in „Nebeneinander gehen“ einem Mann, der die Drei-Minuten-Intervalle zu einem fortlaufenden Liebesband knüpft.

Woche des Hörspiels in der Akademie der Künste, bis zum 29. April

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