Kultur : Das Opern-Mantra

Alle warten auf den großen Knall – doch Berlins Musiktheater taugt nicht für politische Manöver

Christiane Peitz

Niemand hat die Absicht, eine Oper zu schließen. Die vehemente Verteidigung Berlins als Kultur- und Wissenschaftsstandort hat nach dem Karlsruher Urteil einen seltsamen Doppelklang. Sie tönt beruhigend und schrill zugleich.

Beruhigend ist am Kulturbekenntnis des Regierenden Bürgermeisters, der Berlinstudien-Ersteller und Politikwissenschaftler die Tatsache, dass es nicht mehr nur die Kulturschaffenden sind, die auf ihrer Existenzberechtigung beharren. Das war 1993 bei der Schiller-Theater- Schließung anders. Damals empörte sich (West-)Berlins Kulturszene über den „Mordfall“, der Rest der Kulturnation solidarisierte sich. Aber ein Regierender, der die Bühnen verteidigte?

Heute ist es undenkbar, dass eine Bühnenschließung in einer Nacht-und-Nebel-Senatsaktion beschlossen würde. Die Stadt steht da wie ein Mann und sagt: Kultur zuletzt auf die Sparliste. Denn der Wert dieser Zukunftsressource ist nicht nur ökonomisch messbar, sie bringt auch Geld. Schafft Arbeitsplätze (19 000 in der Kulturwirtschaft) und zieht Touristen an.

Schrill klingt dieses Bekenntnis deshalb, weil die Mantra-artige Beschwörung der verheerenden symbolischen Wirkung einer Opernschließung eben diese ständig auf der Agenda hält. Zwar weiß jedes Kind, dass die im Fall einer Schließung eingesparten gut 30 Millionen Euro angesichts von 61 Milliarden Euro Schulden nur für ein paar Tage Zinsentilgung reichen. Das sind Erdnüsse im Vergleich zu etwaigen Immobilienverkäufen. Trotzdem wird die Opernfrage unentwegt gestellt. Als ob Berlin erst dann seine Sparpflicht erfülle, wenn auch die Kulturmetropole sich so richtig schmerzlich ins eigene Fleisch schneidet. Egal, ob der Schnitt finanziell sinnvoll ist oder nicht.

Also die Opernfrage: Drei Musiktheater hat Berlin, das ist weltweit einmalig. Die Opernstiftung als Dachorganisation ist mit einem Etat von 112 Millionen Euro ausgestattet, hat unerfüllbare Sparauflagen und den Sanierungsfall Staatsoper, Kostenpunkt: 130 Millionen Euro. Es gibt Plan A, Plan B und Plan C. Plan A wäre, die Deutsche Oper zu schließen, die auch unter Intendantin Kirsten Harms nicht aus der Krise kommt. Plan B, wie Klaus Wowereit ihn der Bundeskanzlerin schmackhaft machen will, sieht vor, dass das Haus Unter den Linden als Nationaloper an den Bund übergeht. Und wenn Plan A und Plan B nicht funktionieren, tritt Plan C in Kraft: Die Deutsche Oper wird doch geschlossen, aber dann ist nicht Berlin schuld, sondern der Bund.

Das klingt nach Eigentor. Wowereits Appell an den Bund hat nur dann Chancen, erhört zu werden, wenn er Kulturstaatsminister Bernd Neumann als Bündnispartner gewinnt. Der jedoch hat bereits Stunden nach Karlsruhe erklärt, dass das Engagement des Bundes in Berlin gewaltig ist – und ausreichend.

Mehr als seine Vorgänger im Amt ist Neumann als Bremer CDU-Urgestein Föderalist. Und Pragmatiker. Mit den Ländern hat er sich bereits in Sachen Fusion der Länder- und Bundeskulturstiftung angelegt, bislang vergeblich. Er wird den Teufel tun, es in Berlin-Angelegenheiten gleich wieder zu versuchen. Neumann ist geschickt: Im Sommer sagte er der Staatsoper einen 50-Millionen-Euro-Zuschuss für die Sanierung zu – falls Berlin die gleiche Summe aufbringt. Eine Erfolgsmeldung für den Staatsminister, eine Schlappe für Berlin. Denn Berlin hat auch in fünf Jahren keine 50 Millionen. Das wäre sinnvoll, wie einst bei der Museumsinsel: dass die Bundeszusage von einer Zusage des Landes entkoppelt wird.

Neumanns Argument, dass der Bund über den Hauptstadtkulturvertrag und die Museumsinsel Berlin unterstützt, so viel er nur kann, ist gleichwohl nicht von der Hand zu weisen. Man denke nur daran, wie die Akademie der Künste in Bundeshand überging, damit Berlin mehr Geld für die Opern hat. Oder wie Kanzler Schröder der Staatskapelle ein paar Millionen zuschob, damit Daniel Barenboims Orchester angemessen honoriert werden kann.

Was heißt überhaupt Nationaloper? Von der träumt auch Opernstiftungschef Michael Schindhelm. Aber repräsentativ ist die Staatsoper ja längst, und außerdem hat Deutschland eine Nationaloper, die heißt Bayreuth. Drei Opern in der Hauptstadt, das adelt auch den Kulturföderalismus. Könnte und wollte der Bund seine Hauptstadt grundsätzlich von der historischen Schuldenlast befreien, dann wären auch drei Opern kein Problem.

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