Kultur : Das Opfer ist Täter ist Opfer

CHRISTINA TILMANN

Nehmen wir den Fall Mordechai Rumkowski. Der Vorsitzende des Judenrats im Ghetto von Lodz arbeitete mit der deutschen Verwaltung zusammen und war verantwortlich für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Dazu gehörten Aufgaben wie die Verteilung von Lebensmitteln, die Organisation von Kinderheimen und ärztlicher Versorgung ebenso wie die Selektion nicht mehr Arbeitsfähiger zur Deportation. Kollaboration? Mittäterschaft? Schuld? Wären die russischen Truppen, die zur Zeit der Auflösung des Ghettos hundert Kilometer vor Lodz standen, schneller vorgerückt, Rumkowski wäre vielleicht als Held gefeiert worden, weil er 70000 Juden gerettet hätte. Stattdessen wurde er mitverantwortlich gemacht für den Tod von über 80 000 Juden, deren Deportation er vorbereiten half - und wurde bei seiner Ankunft in Auschwitz von Mitgefangenen ermordet.

Mit der Rolle jüdischer Kollaborateure im Holocaust befaßten sich zwei ungewöhnlich eindrucksvolle Dokumentationsfilme im Rahmen des Filmfests München. Dariusz Jablonskis brillante Dokumentation "Fotoamator" (Der Photograph) basiert auf rund 400 Farbdias aus Lodz, die vor wenigen Jahren in einem Wiener Antiquariat gefunden wurden. Der Lagerverwalter des Ghettos, Walter Genewein, dokumentierte mit seinen Amateuraufnahmen kaltblütig die fortschreitende Verelendung des Ghettos. Der jüdische Ghetto-Arzt Arnold Mostovicz berichtet im Film von der eigenen Gewissensqual in Zusammenarbeit mit den Deutschen und zeigt Verständnis für Rumkowski, der Tausende Kranke, Schwache, Kinder dem Tode weihte, um andere vielleicht doch zu retten: "Er hoffte bis zum Schluß auf ein Wunder. Aber was hätte er anderes tun sollen, in dieser Situation?".

Was hätten sie tun sollen? Was hätte ich getan? Das sind die Schlüsselfragen auch der Dokumentation "Kapo", die auf dem Filmfest uraufgeführt wurde. Regisseur Dan Setton untersucht in seinem umstrittenen Film erstmals aus israelischer Sicht die Rolle jüdischer Kapos in den Konzentrationslagern - ein Thema, das Aleksander Tisma in seinem Roman "Kapo" eindringlich ausgemalt hat. Waren es Verräter, die die jüdische Solidarität aufkündigten, um ihr eigenes Leben zu retten? Oder Opfer einer besonders perversen Strategie der Nationalsozialisten, die die Ausführungen des Mordplans den Juden selbst überließen?

Alle Antworten sind möglich. Es zeugt von der Differenziertheit des Films, daß in ihm alle Stimmen zu Wort kommen: Reuben Vaxelmann, der behauptet, daß ohne die Mithilfe der jüdischen Kapos, Blockkommandanten, Lagerältesten die Nationalsozialisten kaum sechs Millionen Juden hätten töten können, oder Magda Hellinger, Lagerälteste von Auschwitz, die durch Disziplin im Lager ein Eingreifen der SS verhindern wollte. Walter Reichmann berichtet, wie schnell im Lager das Recht des Stärkeren sich durchsetzte. Am Ende steht die Aussage einer Überlebenden, die eine Freundschaft mit ihrer damaligen Blockältesten Frances Kousal verbindet: "Wie kann ich sie verurteilen? Sie war eine Gefangene, so wie ich auch. Und hat nur gehandelt, um zu überleben."

Das sahen nicht alle so. Über vierzig Prozesse wurden in Israel parallel zum Eichmann-Prozess gegen jüdische Kollaborateure geführt. Manche leben noch heute mit der Angst vor Entdeckung. Wie schwer der Umgang mit diesem Thema ist, zeigte in München die Diskussion unter Leitung von Michel Friedman. Der im Film von einem Überlebenden geäußerte Vorwurf, die jüdischen Kapos seien mitverantwortlich für den Mord an sechs Millionen Juden, rührt an ein israelisches Trauma, das schon Hannah Arendt mit ihrer umstrittenen These von der jüdischen Mitverantwortung am Holocaust ansprach. Daß eine Diskussion darüber in Deutschland besonders heikel ist, zeigte auch die Frage Friedmans, warum der deutsche Mitproduzent Spiegel-TV sich mit diesem Thema befasse, anstatt die Rolle deutscher Täter aufzuarbeiten. Denn unbestritten ist: Die Deutschen und nur sie tragen die Verantwortung für die "unmögliche Wahl" der jüdischen Kollaborateure. "Kapo" ist, trotz allem, ein Film über Opfer, nicht Täter.

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