Kultur : Das Orakel von Tschernobyl

Der kanadische Fotograf Robert Polidori sucht das Pittoreske im Verfall. Derzeit stellt er seine Bilder im Martin-Gropius-Bau aus. Eine Begegnung

Kai Müller

Die Frage soll ihn zum Grübeln bringen: Summen Sie manchmal ein Lied, eine Melodie, wenn Sie Bilder machen? Jemand wie der Fotograf Robert Polidori, der verwaiste Orte aufsucht, um deren Verfall zu dokumentieren, muss von einer bedrückenden Einsamkeit umgeben sein. Also: Ist ihm die Stille unheimlich?

Robert Polidori weiß sofort, was gemeint ist. „Nun, sehen Sie“, hebt er zu einer Antwort an, die die nächste Stunde beanspruchen wird, „bei meiner Arbeit geht die meiste Zeit in dem Bemühen drauf, einen Ort, der aus verschiedenen Gründen exklusiv ist, überhaupt betreten zu dürfen.“ Er müsse Behörden anrufen, Genehmigungen beantragen, um Einlass betteln, reden und überreden. Politik. Deshalb steht ständig irgendwer um ihn und seine Kamera herum. Man drängt ihn, fertig zu werden und wieder zu verschwinden. „Aber ich brauche für meine Großbildkamera sehr lange Belichtungszeiten. In Innenräumen dreißig oder sogar hundert Sekunden. Und ich zähle.“ Niemand darf ihn ansprechen oder sich bewegen, bis er fertig ist mit dem Zählen. „Ich betrachte das als eine neue Form des Gebets.“ In der katholischen Kirche gebe es die letzte Ölung. „Ich tue dasselbe mit Dingen, um die sich keiner mehr kümmert. Ich zolle ihnen eine Art letzten Respekt.“

Der 55-jährige kanadische Fotograf ist zum Star seiner Zunft aufgestiegen. Noch vor vier Jahren kostete ein Polidori-Werk 7000 Dollar, heute werden auf Versteigerungen bis zu 27 000 geboten. Denn Polidori ist nicht nur gut darin, Sicherheitsleute, Museumsdirektoren, Restauratoren oder wer sich sonst noch in den Korridoren des Versailler Schlosses, im Ceausescu-Palast in Bukarest oder dem verwitterten Kontrollraum des Atomreaktors von Tschernobyl herumdrückt, warten zu lassen. Vor allem sein Tschernobyl-Projekt hat den scharfsinnigen, kühlen Mann berühmt gemacht. Er drang 15 Jahre nach dem Kollaps des Atommeilers in die Sperrzone ein und suchte in Pripjat nach Spuren von den 116 000 Menschen, die dort bis zu ihrer überstürzten Evakuierung gelebt hatten. Seine Fotos, jubelte die „Zeit“, hätten „das Format einer Gesetzestafel“. Nun hängen Polidoris Menetekel von der ukrainischen Terra incognita im Berliner Martin-Gropius-Bau. Sie zeigen zerschlagene Klassenzimmer, Operationssäle mit abgeplatzten Kachelwänden und das verkeilte Mobiliar eines Kindergartens. Auf dem Fußboden einer Schulkantine liegen hunderte Gasmasken verstreut. Es sind grandiose Zeugnisse einer Apokalypse, die schon stattgefunden hat.

Aber grandios sind sie vor allem in ihrem ästhetisierenden Gestus. Mit barocker Opulenz zelebriert Polidori Stadien des Verschwindens, sein Blick ist frei von moralischen Skrupeln. Der Emigrantensohn, der sich nach eigener Auskunft nie irgendwo zugehörig gefühlt hat, fotografiert Häuser, mit denen sich die Menschen eine Heimat schaffen wollten. Aber etwas ist schief gegangen. Die Häuser schützten sie nicht mehr. Übrig geblieben sind funktionslose Hüllen, die – wie im Falle des Versailler Schlosses – ihren Prunk durchaus bewahren. Über die Ursachen der Vertreibung gibt Polidoris Spurenlese keine Auskunft. Als versierter Magazin-Fotograf („New Yorker“, „GEO“) trotzt er der Zerstörung pittoreske Kulissen ab. Und er weiß: „Nichts ist verführerischer als das Paradox.“

Mangelnden Geschäftssinn kann man dem gebürtigen Kanadier und Sohn eines korsischen Raketenentwicklers nicht vorwerfen. Seine prachtvollen Tableaux der zivilisatorischen Agonie stoßen geschickt in eine Marktlücke, die von den Heroen der konzeptuellen Fotografie nicht abgedeckt wird. Das begriff auch die Berliner Galerie Camera Work, die vor zwei Jahren den Kontakt zu Polidori suchte. Sie erwarb ein umfangreiches Konvolut, das nun zum Tschernobyl-Jubiläum durch die Berliner Festspiele in den Museumsbetrieb eingespeist wird. Ein bezeichnender Fall, wie private Investoren den Wert ihrer kostspieligen Neuerwerbungen mit staatlicher Unterstützung noch steigern.

„Ich bin ein Paparazzo des Traumas“, lautet ein Satz aus Polidoris Monolog. Und man erkennt in ihm nicht den Romantiker. Hier bedient sich einer bewusst der Schauplätze, die sich ins kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt haben. Das wird in den Teilen der Ausstellung deutlich, die in Havanna, Beirut oder zuletzt in New Orleans entstanden sind. Sie sind schön anzusehen, die zerschossenen Häuserwände oder die Autowracks, die Hurrikan Katrina an die Dachkanten der Einfamilienhäuser gespült hat. Dort hängen sie nun, als wären sie vom Himmel gefallen. Das Desaster wird zu einem Arrangement des Zufalls, Geschichte zu einem Schicksalsschlag ohne Opfer.

Polidori ist Autodidakt. Ursprünglich wollte er Filmemacher werden. Er studierte an der Kunsthochschule und ging Ende der sechziger Jahre nach New York, wo er Assistent des Avantgarde-Filmers Jonas Mekas wurde und auch ein paar eigene Experimentalfilme drehte. Eher beiläufig geriet er an die Fotografie, die „wie ein Orakel“ sei. „Die Kamera auf etwas zu richten, heißt, eine Frage zu stellen.“ Das Bild ist die Antwort – von Wahrheitsströmen durchflutet.

Lange bevor Polidori zum Bildkünstler avancierte, war er von Räumen fasziniert. Aus einem Buch über die Schule des Pythagoras erfuhr er, dass den Schülern als Erstes beigebracht wurde, sich leere Kammern vorzustellen. Erst später wurden diese imaginären Räume mit Zahlen und Erkenntnissen gefüllt. In gewisser Weise sind seine Aufnahmen ein Ableger dieses Denkens: Typografien von Erinnungsräumen. Wobei auffällt, dass Polidori diese Räume als Teile eines Labyrinths inszeniert. Immer steht irgendwo eine Tür offen, durch die ein weiteres Zimmer oder ein Flur sichtbar wird.

Der emblematische Charakter von Polidoris Arbeit, die eigentümliche Abschottung gegenüber der Wirklichkeit, ergibt sich aus einem gewissen Ewigkeitsanspruch. Die Zigstelsekunde, die Cartier- Bresson den „rechten Augenblick“ genannt hat, weil sich in ihr die Zeitstränge zu einem Sinnbild bündeln, repräsentiert für Polidori nichts als sich selbst. Stattdessen sucht er nach Momenten, die Zeit akkumulieren. „Was an meinen Bildern cineastisch ist“, erklärt er, „ist die Häufung von Zeitschichten, die aneinandergehängt sind.“ Sie machen Polidoris Aufnahmen schon im Entstehen antik.

Robert Polidori, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, bis 26. Juni, Mi-Mo 10-20 Uhr

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