Kultur : Das Ordnen der Welt

Frank Jacobs sammelt „Seltsame Karten“.

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Kartophilie ist derzeit eine verbreitete Art der Liebe. Karten werden gesammelt, geklaut, gelesen, gefälscht oder auch ins Netz gestellt. Letzteres tut Frank Jacobs. Im Weblog des Belgiers sind etwa 600 „Strange Maps“ versammelt, angeblich 6000 Besucher schauen täglich vorbei. Wie der Name des Blogs andeutet, hat sich die Liebe mittlerweile ausdifferenziert und kapriziert sich nun auf Randständiges: Übliche Karten, die meist zur Orientierung im Raum dienen, findet Jacobs eher langweilig. Was ihn interessiert, sind „seltsame Karten“, die „kuriose und zugleich faszinierende Geschichten“ erzählen.

Unter den gut drei Dutzend Karten und Kartenausschnitten, die er für seine Buchpublikation ausgewählt hat, sind tatsächlich ausgefallene Stücke. Sie zeigen Kalifornien als Insel und zeugen von unbekannten schottischen Kolonialabenteuern im heutigen Panama. Sie belegen deutsche und französische Wahnvorstellungen zur frankreich- oder deutschlandfreien Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg. Politische Sehnsüchte werden visualisiert, wenn Belgien im Zeichen des Klimawandels zur Einheit gezwungen ist, weil Flandern im Meer versinkt und Wallonien alle Flamen aufnehmen muss.

Jacobs’ Buch ist der schlagende Beweis dafür, dass Karten alles andere sind als Abbildungen der Wirklichkeit. Sie sind Weltinterpretationen, Wunschvorstellungen, Zeugnisse historischer Wissensstände. Vor allem belegen sie unser drängendes Bedürfnis, die Welt zu ordnen und im Überblick verfügbar zu machen. Kurz: Karten haben Interessen. Das sollte man wissen, um ihnen nicht auf den Leim zu gehen.

Die Geschichten, die das hybride Bild-Text-Medium Karte erzählt, können wahr oder erfunden sein – jedenfalls bedürfen sie der Deutung. Ganz wie Literatur. Deswegen kommentiert Jacobs all seine Funde. Dabei findet sich bestätigt, dass Liebe sich gelegentlich in Leidenschaft erschöpft und an der analytischen Erkenntnis ihres Objekts nicht übermäßig interessiert ist. Dass Frank Jacobs’ Idee von Kartographie nicht die Höhe seiner Begeisterung fürs Absonderliche erreicht, wird man jedoch verschmerzen. Schließlich sprechen die Karten dieses fein ausgestatteten Bandes ihre eigene Sprache. Steffen Richter

Frank Jacobs:

Seltsame Karten.

Ein Atlas kartographischer Kuriositäten.

Liebeskind Verlag, München 2012.

128 S., 29,80 €.

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