Kultur : Das Paradies ist anderswo

JAN SCHULZ-OJALA

Das Paradies hat einen Stich - einen Stich ins Gelbe, um genau zu sein.Ein Teich in gelber Landschaft: Daraus tauchen erst Adam (schwarz), dann Eva (weiß) auf, entdecken den anderen wie sich selbst, begegnen der Schlange - aber wie gerät da plötzlich der gekreuzigte Jesus mitten ins Gestrüpp, warum die rostige Autotür, woher das unverschlossene Haus, woher die Bettstelle, auf der sie sich paaren? Ganz einfach: Das Paradies ist ein Reservat, durch das bald Uniformierte mit Hunden hetzen, das Paradies ist ein Filmset, durch den die ersten Menschen gejagt werden bis zu einem hohen Gatter und dahinter die Welt.Dort entdeckt das Ur-Paar seine Scham, bedeckt seine Blöße, flieht vor Fotografen und Fernsehteams - und verliert sich selbst.

Verrate ich zuviel, indem ich diese immerhin chronologisch in den Film gestreuten Sprengsel zur Geschichte bündele? Wohl nicht.Denn "The Loss of Sexual Innocence" bordet derart über von Andeutungen, Vor- und Rückblenden, Realitätsfetzen und Traumszenen, daß genug bleibt für Freunde der Verrätselung.Zuviel vielleicht.Denn die lose um Stationen aus dem Leben des Kameramanns Nic (Julian Sands) geknüpften "Short Shories", so der Ursprungstitel des Films, liegen da wie Puzzle-Stücke, die sich zum Bild nicht fügen mögen.Ja, manchmal scheint das kalkuliert unübersichtliche Projekt sogar seinem Erfinder unheimlich geworden zu sein: So werden zwei Träume ausdrücklich mit "His Dream" und "Her Dream" angekündigt - solche Gebrauchsanweisung für die Phantasie ist ein künstlerischer Offenbarungseid.

Vielleicht beweist "The Loss of Sexual Innocence" zuallererst eines: daß auch ein Kreativbaby eines Tages "übertragen" sein kann.Siebzehn Jahre lang ging Mike Figgis mit der Idee schwanger, bevor der Überraschungserfolg "Leaving Las Vegas" ihm plötzlich weltweit das Vertrauen der Verleiher sicherte.Wer nun allerdings eine treibende amour fou im Stil dieser Trinker- und Hurengeschichte erwartet oder auch nur eine Variante seines Mainstream-Folgefilms "One Night Stand", wird ebenso enttäuscht wie jene Zuschauer, die nun hilfsweise mit dem Zauber des Experimentellen geködert werden: Der Film will Kunst pur sein - und ist doch nur pures Kunstgewerbe.

Manche Puzzlesteine freilich blinken: Wie Nic, ein bißchen müde geworden in seiner Ehe, seine stumm und müde gewordene Frau (Johanna Torell) in der Küche ihres Wochenend-Cottage zu verführen sucht, und die Kamera bleibt ganz bei ihrer Unbewegtheit; wie zwei Fremde, die aneinander wortlos Gefallen gefunden haben auf einer Reise, von ihren Partnern abgeholt werden und im Weggehen voneinander doch noch Zeit und Raum finden für eine winzige Berührung; oder wie geistes- und lebensabwesend Auto-Insassen an der Tankstelle jenen Minutenbruchteil zubringen können, in dem der Fahrer zahlen geht - das sind Atmosphären, Bilder, Bewegungen, aus denen ein Film hätte anheben können.Nicht nur jene Kompilation aus werbefilmvertrauten Spot-Motiven, irgendwo zwischen Nike und RayBan, irgendwo zwischen Campari und Cointreau.

Ein letztes.Selten im Kino so pausenlos Beethoven (Mondscheinsonate), Mozart (Sonata facile) und Chopin (Nocturnes) gehört.Da hilft bald nur eines: Augen schließen und anderswo sein.

In Berlin im Kant-Kino und in den Hackeschen Höfen

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