Kultur : Das Paradies ist überall

Stipendiaten-Werke im Haus am Waldsee Berlin

Jens Hinrichsen

Die Artistin in der Trainingsstunde: rastlos. Sie verbiegt sich akrobatisch, rotiert und schwitzt am Übungsseil. Marisa Maza hat die Turnerin gefilmt und präsentiert sie auf zwei Videowänden – dramatisch hautnah. Weil Kunst viel Arbeit ist (und nicht nur schön), greift die Karl Hofer Gesellschaft jungen Künstlern seit 50 Jahren unter die Arme. Zum Jubiläum wird die derzeitige Stipendiatin mit elf früheren Preisträgern in die Ausstellungs-Arena geschickt – unter dem Slogan „permanent zeitgenössisch“.

Hier ist selbst Schneewittchen nicht mehr die, die sie einmal war: Einen Torso im weißen Prinzessinnenkleid hat Niki Elbe gefertigt und mit blutroter Farbe übergossen. Auch auf den abgründigen Aquarellen der Künstlerin hat das Märchen seine Unschuld verloren. Einen Stock tiefer im Haus am Waldsee betrauert Eva Castringius das von Profiteuren verschuldete Vertrocknen eines Naturareals bei Los Angeles. Das große Bild „Control“, gemalt im Stil des Kaliforniers Ed Ruscha, zeigt reißbretthafte Mauern, die wässrige Farbflächen umzingeln. Jenseits von Eden bewegt sich auch Miguel Rothschild, der den „Paradies“-Begriff durch inflationäre Benutzung aushöhlt. Auf einem Videoschirm präsentiert er die Foto-Fronten von Sonnenstudios, Apotheken und Obstläden mit „paradiesischem“ Namen. Und auf einem großen, tiefblauen Papierformat („Himmlisch“) kleben aus Werbebroschüren ausgeschnittene Preisschilder: zeitgenössische Pop-Art.

Argentinische Allee 30, bis 8. Januar, Mo-So 10-18 Uhr, Katalog 10 Euro.

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