Kultur : Das Parallel-Parlament

Treffen in Lissabon: Europas Kulturschaffende wollen Brüssels Bürokratie zum Tanzen bringen

Caroline Fetscher

Sein europäisches Leben klingt nach American Dream: Calouste Sarkis Gulbenkian, 1869 in der Türkei als Sohn von Armeniern geboren, studierte in Marseille und London, wurde um die Jahrhundertwende britischer Staatsbürger, verdiente Milliarden im Ölbusiness – und sammelte Kunst. Antike Statuen, Cranach, Reynolds, van Dyck, was immer ihm gefiel. 1942 fand er in Lissabon Zuflucht vor dem Zweiten Weltkrieg, und genoss die Gastfreundschaft so sehr, dass er Portugal 1955 seinen Nachlass vermachte. Park und Museum, Konzertsaal und Auditorium der Gulbenkian-Stiftung in Lissabon beherbergten am vergangenen Wochenende das „Europäische Kulturparlament“: 80 Pioniere einer großen Idee.

2002 initiiert von Karl-Erik Norrman, ein Schwede und Diplomat, der den Gedanken von Yehudi Menuhin übernahm, tagt das Parlament einmal jährlich. Von Brügge über Graz bis Genua wuchs die Versammlung an. In Lissabon bekamen die Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten, Regisseure, Kuratoren und Intendanten aus knapp vierzig Ländern nun Rückenwind aus Brüssel. José Manuel Barroso persönlich, Präsident der Europäischen Kommission, spricht zu dem Parallel-Parlament über Kunst und Kultur als „das beste Mittel gegen die Welle von Populismus, Chauvinismus und Neonationalismus, die wir im Augenblick erleben.“ Er freue sich auf „gesunde Provokation“; „kreative Kraft“ sei bei Politikern ja eher rar. Brausender Applaus. Allein, Künstler sind Individualisten, schöpferische, idiosynkratische Dickschädel. So sucht man in Lissabon Orientierung beim gemeinsamen Nenner, als Fragezeichen irrlichtert das Motto über den Köpfen: „Wie kann Europas Kultur europäische Kohäsion befördern?“ Ja, gibt es denn „Europas Kultur“?

Michal Hvorecky, freundlich dreinblickender Cyberpunk-Autor, ist 28 Jahre alt, und sein neuer Roman in der Slowakei der Bestseller Nummer eins „nach Harry Potter“. Was hat er gemein mit der Opernsängerin Barbara Hendricks? Sie stammt aus Amerika, lebt als Schwedin in Schweden, ist schwarz, weltberühmt und schwärmt von der Charta der Menschenrechte. „Ich will für Europa Bildung, Gesundheit, Kultur – und für mich eine Fähre zu meiner Insel“, trägt sie vergnügt vor. Ihr Zusatz mit der Fähre bringt Jasenko Selimovic minutenlang zum Lachen: „Fantastisch!“ Selimovic kommt aus Sarajewo und arbeitet als Theaterdirektor in Göteborg. Identität bedeutet auch Exklusion, erläutert er in seinem Vortrag, solange man sie nicht vielfach denke, wie das Prinzip der Puppe-in-der-Puppe: In einer kann immer eine andere stecken. Der Schriftsteller Jurij Andruchowitsch erklärt die ukrainische Revolution von 2004 zu einem „genuin europäischen Ereignis“. Und der portugiesische Architekt Paolo Barata träumt von neuen „urban spaces“, die das Dilemma der Exklusion in der Banlieue auflösen können.

Gibt es „uns Europäer“? Mit Krawatten und Kapuzenpullovern, Jeans und Anzügen debattieren Leute aus drei Dutzend Ländern, ohne „unsere Werte“ festlegen zu können. Menschenrechte und Demokratie gehören nicht Europa allein – was wäre unser Spezifikum? Das Fragezeichen schwillt an, draußen nicken die Rosen im Regen und Tauben hocken auf nassen Palmzweigen, während die steinerne Skulptur „Pubertät“ nackt, abstrakt und ungerührt durch die Riesenscheiben in den Saal zu schauen scheint. Drin ist zu hören, dass Brüssels Europa im Jahr nur ein Prozent seines Haushalts in Kultur und Bildung investiert. Das entspricht, beklagt Wolfgang Wagner, Generalsekretär der Europäischen Kulturstiftung in Amsterdam, „der Summe, die ein einziges großes Opernhaus in einer westeuropäischen Metropole zur Verfügung hat“.

Indes beschwören viele Redner die Kulturgötter und bürgerlichen Heroen der Vergangenheit, alle auf Englisch und mit wechselnden Akzenten, litauisch, maltesisch, französisch, griechisch. Sie erwähnen Plato und Aristoteles, Dante, Cervantes, Luther, Goethe, Shakespeare, Voltaire, gelegentlich Thomas Mann oder Ortega y Gasset. Kant taucht kaum auf in Europas geistiger Lichterkette.

Zu den United States of Europe fehlt, was die United States of America besitzen: ein gemeinsamer Gründungsmythos der Emigration, des Aufbruchs in eine neue Welt. Eher bündelt ja das „Europa der Vielfalt“ den Beharrungswillen partikularer Nationalismen, oft in Abgrenzung gegen das hybride Amerika. Nicht nur Anja Susa aus Belgrad und Zsusza Breier aus Budapest warnen davor, europäische Identität als anti-amerikanische zu definieren. Irgendwann wirft eine bulgarische Opernsängerin ein, den Begriff „Identität“ möchte sie lieber einige Jahre lang nicht mehr hören.

Am Sonntagmorgen verabschiedet die Versammlung ein Gründungsmanifest für eine Offene Zivilgesellschaft und Dialog. Nächstes Jahr im September tagen die Parlamentarier in Turku, Finnland, verkündet Senator Pär Stenbäck, der dort einmal Außenminister war. Kurz vor Schluss illustriert Erzen Shkololli aus dem Kosovo seinen Kommentar zur „Identität“ mit einem Triptychon. Drei Fotos zeigen den Künstler und ihm aufoktroyierte Symbole der „Identität“: das muslimische Kind am Tag der Beschneidung, der Junge als Tito-Pionier, der Erwachsenen, dessen Kopf von einem Halo aus EU-Sternen umkreist wird. „Das soll ich sein.“ Er seufzt amüsiert.

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