Kultur : Das Pendel, das die Welt bewegt

In „Kafka am Strand“ wagt Haruki Murakami einen Parforceritt durch die westliche Mythologie

Gregor Dotzauer

Um Haruki Murakamis Romane zu verstehen, lohnt sich ein Umweg über die Musik. Verstehen ist dabei übrigens ein verwegenes Wort. Angesichts des westlichen Inventars seiner Bücher kommt man allzu schnell in Versuchung, ihre Fremdheit zu unterschätzen. Auch Umweg ist ein fragwürdiger Ausdruck für einen Schriftsteller, der einen mit jeder Wendung seiner Geschichten von neuem daran zweifeln lässt, ob es auch nur zu irgendetwas im Leben einen direkten Weg gibt. Zwischen den Wunschträumen seiner Figuren und deren Erfüllung liegen verschlungene Pfade durch parallele Welten, und man kann nie ganz sicher sein kann, ob man sich gerade auf der Seite der Fantasie befindet oder auf der Seite der Wirklichkeit.

Aber zurück zum Umweg. Er führt schon deshalb nah an Murakamis rätselhaftes Reich heran, weil es sich bei „Kafka am Strand“, dem Titel seines jüngsten Romans, zugleich um den Titel eines Musikstücks handelt. Es ist der einzige Hit von Frau Saeki, ein melancholisches Lied. mit dem sie 1969, als 19-Jährige, ganz Japan verzauberte, bevor sie nach dem Tod ihres Geliebten im Jahr darauf verstummte. Ein paar Streicher und eine Oboe garnieren das Arrangement, bei dem sie selbst am Klavier sitzt und mit ihrer nicht gerade kräftigen Stimme einen hoffnungslos esoterischen Text singt: „Wenn du am Rande der Welt stehst, / bin ich in einem toten Vulkan. / Im Schatten der Tür stehen / Worte, die ihre Zeichen verloren“, lautet die erste Strophe. Und der Refrain: „Auf einem Stuhl am Strand sitzt Kafka / und denkt das Pendel, das die Welt bewegt.“

Anders als der ellenlange Soundtrack, den man sonst aus dem Buch destillieren könnte, ist das Lied durch und durch musique imaginaire. Doch neben den Stücken von Cream, Prince und Radiohead, die der 15-jährige Protagonist Kafka Tamura auf seinem Discman hört, gewinnt es schnell ein eigenes Leben und kann sich in seiner Bedeutsamkeit messen mit Duke Ellington und John Coltrane, sogar mit allem, was sich hier über Seiten hinweg an Schuberts D-Dur-Klaviersonate und Beethovens „Erzherzog“-Trio knüpft. Was bedeutet da schon ausgedacht?

Als im letzten Herbst die japanische Sängerin Miharu Koshi die Berliner Jazztage eröffnete, trat sie mit einem Programm auf, das nichts als imaginäre französische Chansons enthielt. Mit Akkordeon und schwingenden Hüften spazierte sie singend über die Bühne, als wären es die Straßen von Paris – nur dass dort keiner ein Wort verstanden hätte. In Miharu Koshis Schatten ziselierten ein Pianist und ein Fagottist zusammen mit beinewerfenden Revuegirls Melodiedekor im Walzertakt. Und als Zugabe schenkte sie dem Publikum das „Ave Maria“ von Charles Gounod, einen der übelsten Heuler der Musikgeschichte. Das Ganze fand statt in Minirock, Korsett und Cowboyhut und wäre mindestens camp, wenn nicht zum Schreien gewesen, wenn dieser Mischung von erotischer Qualität und quasireligiöser Dimension nicht jedes Ironiesignal gefehlt hätte.

Eichmann in der Strafkolonie

Genauso – und noch viel radikaler – verhält es sich mit Murakamis Roman, der sich zentrale Mythen der abendländischen Kultur einverleibt. Teils erzählt er sie neu, teils referiert und umspielt er sie, konfrontiert sie mit japanischem Material, dessen spezifisches Gewicht wiederum der hiesige Leser nur schwer einschätzen kann. Und so trifft der junge Ausreißer Kafka Tamura (welcher Wahnsinnige im Westen dürfte seinen Helden straflos Kafka nennen) im Lauf seiner Odyssee auf Franz Kafkas Prosa-Evergreen „In der Strafkolonie“, aber auch auf die Geschichten von Natsume Soseki, denen man eine Verwandtschaft zu Dickens nachsagt. In der Komura-Gedächtnisbibliothek von Takamatsu, die zu seinem Zufluchtsort wird, beschäftigt er sich mit dem Prozess gegen Adolf Eichmann und stößt in einer Notiz seines zwischen den Geschlechtern oszillierenden Freundes Oshima auf den schönen Satz von William Butler Yeats: „In dreams begin responsibilities.“ Und er erfährt aus Ueda Akinaris „Geschichten unter dem Regenmond“ etwas über die Existenz von Geistern.

Das alles wäre noch nichts, wenn er nicht am eigenen Leib (oder ist es in der hypothetischen Schwebe, die Murakami der Sache lässt, doch nur Einbildung?) das Drama des Ödipus nachvollziehen müsste – mit einem Einflüsterer, der sich wie ein antiker Chor an ihn wendet. Also flieht er blutverschmiert vor dem Mord an seinem Vater, von dem nicht einmal Kafka selbst weiß, ob er ihn begangen hat. Und er schläft mit seiner Mutter, der Bibliotheksleiterin, einer um dreißig Jahre gealterten Frau Saeki, die ihm zuvor als 15-Jährige erschienen ist. Um schließlich von den Nebenhandlungen einen Eindruck zu geben, sollte man erwähnen, dass es zeitweise Makrelen und Blutegel vom Himmel regnet. Außerdem hat die Whisky-Ikone Johnnie Walker einen Auftritt als Katzenserienmörder, und Colonel Sanders, der Gründer von Kentucky Fried Chicken, betätigt sich als Zuhälter einer Hegel und Bergson zitierenden Edelhure.

Wer andere Bücher des 1949 in Kyoto geborenen Murakami liebt, darunter seine besten, „Wilde Schafsjagd“, „Mister Aufziehvogel“ oder „Gefährliche Geliebte“, inhaliert so viel scheinbar Widernatürliches begeistert weg. In „Kafka am Strand“ kann man sich daran leicht verschlucken, und zwar vor allem, weil es Murakami an seiner gewohnten, amerikanisch geschulten Sprachökonomie mangelt. In drei zunächst brav alternierenden Hauptsträngen treibt das Buch dahin, rekapituliert für den unaufmerksamen Leser mehrfach Dinge, die er längst wissen sollte, und ergeht sich in Naturbeschreibungen, die auch einem Autor, der allen Glanz an den Stoff delegiert, nicht gerade schmeicheln.

Seinem Wesen nach ist „Kafka am Strand“ wieder ein himmelsstürmerisch romantischer Liebesroman. Seiner Machart nach ist er aber mehr als je zuvor ein fantastisches Jugendbuch mit allen sexuellen Nöten eines Pubertierenden – nicht nur, weil Murakamis ewig dreißigjähriger Held sein Alter halbiert hat. Murakami selbst, ein bescheidener Mann, hält es für sein bestes. Traurig, dass auch ein so großer Schriftsteller sich täuschen kann.

Haruki Murakami: Kafka am Strand. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont, Köln 2004. 637 Seiten, 24,90 €.

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