Kultur : Das Phantom des Ostens

Kann der Schriftsteller Christoph Hein das Deutsche Theater Berlin leiten?

Rüdiger Schaper

Als Berlins Kultursenator kürzlich eine Premiere am Schauspiel Dresden besuchte, schien die Sache klar. In der sächsischen Hauptstadt kam die „Landnahme“ auf die Bühne, nach dem gleichnamigen neuen DDR-Roman von Christoph Hein, und gewiss wollte sich Thomas Flierl die Arbeit der Regisseurin (und Düsseldorfer Schauspielchefin) Anna Badora anschauen. So dachte man.

Denn Flierl war auf Intendantensuche. Bernd Wilms wird in zwei Jahren die Leitung des Deutschen Theaters abgeben, weil der Kultursenator von der PDS ein „geistig erneuertes“ Deutsches Theater will. Das DT, dies hat Flierl wiederholt erklärt, soll wieder zu einem „führenden deutschsprachigen Schauspieltheater“ werden. Wie vor der Wende ...

Die Spur führte nach Dresden, aber es ging nicht um Anna Badora. Gestern wurde die Theaterwelt von der Nachricht aufgeschreckt, dass Christoph Hein ab der Spielzeit 2006/07 die Geschicke des Deutschen Theaters in die Hand nehmen soll. Unterschrieben ist noch nichts. Aber die Gespräche sind so weit fortgeschritten, dass Hein und Flierl gestern ihr waghalsiges, wenn nicht wahnsinniges Vorhaben öffentlich bestätigten.

Darauf muss man erst einmal kommen: Christoph Hein, geboren 1944 in Schlesien, zuhause in Berlin, eine noble, sensible, bescheiden auftretende Schriftstellerpersönlichkeit, wird Chef des größten hauptstädtischen Sprechtheaters. Hein hat sich auch als Dramatiker einen Namen gemacht. Seine Erfolge liegen lange zurück. 1983 wurde am Deutschen Theater „Die wahre Geschichte des A Q“ uraufgeführt, 1989, in den „Rittern der Tafelrunde“, zeichnete er den Untergang der DDR und ihrer Nomenklatur vor. Aus noch älterer Zeit stammt Heins praktische Theatererfahrung. Er war, unter Benno Besson, in den Siebzigerjahren Dramaturg und, wie er dem Tagesspiegel sagte, „Mitglied des Küchenkabinetts“ an der Berliner Volksbühne. Mit diesem Hintergrund will er das DT auf neue, alte Wege bringen?

Der Intendantenmarkt war leer gefegt, als im August Thomas Flierl Bernd Wilms bedeutete, er sehe ihn nicht länger an der Spitze des DT. Denkbare Kandidaten wie Ulrich Khuon (Thalia Theater Hamburg) oder Frank Baumbauer (Münchner Kammerspiele) sind nicht frei. Luc Bondy, Regisseur und Intendant der Wiener Festwochen, fand seinen Namen als Gerücht in der Zeitung, wurde aber nicht gefragt. Frank Castorf? Der hat an der Volksbühne genug zu tun und würde sich eine erneute Intendanz wohl nicht antun. Aber eine Figur von der künstlerischen und intellektuellen und pragmatischen Durchschlagskraft eines Castorf bräuchte es wenigstens, um der ungemein schwierigen Verhältnisse am Deutschen Theater Herr zu werden.

Der Schlüssel liegt im Osten – der Glanz und das Elend des DT. Es ist ein Fall von plötzlich wieder auftretender Ostalgie, fünfzehn Jahre nach der Wende, die Christoph Hein damals, im Herbst 1989, aktiv miterlebt hat. Hein besitzt, was sich niemand aussuchen oder erarbeiten kann, was aber wohl bei Flierl den Ausschlag gegeben hat: die Ost-Biografie. Auch wenn der Schriftsteller dem Tagesspiegel sagt, ihn interessiere so etwas wie ein „Ost-Faktor“ nicht. Ebenso komme der Begriff des „Nationaltheaters“ – vom Kultursenator immer wieder ins Spiel gebracht – nicht von ihm. Hein denkt, mit einem starken Verweis auf die ruhmvolle 100-jährige Geschichte des Deutschen Theaters, an eine Stärkung der deutschen und europäischen Klassik. Und an die zeitgenössische Dramatik. Er glaubt an die Existenz eines bürgerlichen Theaterpublikums, und auf seine zurückhaltende, für einen Theaterchef eher problematische Natur angesprochen, sagt er: „Man kann es auch auf die japanische Art machen.“ Soll heißen: In der Stille liegt die Kraft. Ähnliches sagte auch Bernd Wilms vor seinem Amtsantritt am DT: „Ich kann gut die Klappe halten.“ Gut bekommen ist ihm das nicht.

Man wird den Verdacht nicht los, dass am DT ein der allgemeinen gesellschaftlichen Stimmung geschuldetes Roll-Back gen Osten versucht wird; auch als konservative Reaktion auf eine Theaterszene, die sich in den letzten zehn Jahren atemberaubend verändert hat: ästhetisch, inhaltlich, organisatorisch. Viele träumen im Osten von der großen Zeit in der Schumannstraße, die sich mit Namen wie Alexander Lang, Dieter Mann, zeitweise auch Heiner Müller und Frank Castorf verbindet. Und mit den ersten Jahren der Intendanz Thomas Langhoffs. Im Westen ist es nicht anders. Ältere Theatergänger haben immer noch, wenn sie an die Schaubühne denken, Phantomschmerzen.

Aber: vorbei, passé, perdu. Diese Zeiten kommen nicht wieder. Die Ironie der Geschichte ist, dass Thomas Langhoff zuletzt selbst das Haus in der Schumannstraße so heruntergewirtschaftet hat, künstlerisch und ökonomisch, und zwar mit einer penetranten Rückwärtsgewandtheit. Mit den von Langhoff ererbten Altschulden in Millionenhöhe und den bis heute nicht beseitigten Verwerfungen im Ensemble ist selbst ein erfahrener Theaterleiter wie Bernd Wilms nicht fertig geworden. Das DT macht jetzt wieder den Eindruck innerer Zerrissenheit. Wilms hat die Ton angebenden Regisseure wie Thalheimer, Kimmig, Petras, Stemann geholt. Hier aber, am Deutschen Theater Berlin, haben sie nie so reüssiert wie anderswo. Es steckt etwas Dunkles, Kontraproduktives in den Wänden des DT. Kann Hein hier lüften – oder gehen noch mehr Türen zu?

Bertolt Brecht und später Heiner Müller am Berliner Ensemble: Es gab eine ostdeutsche Tradition von Dramatikern in der Theaterführung. Dazu nur so viel: Dies waren nicht nur weltberühmte Stückeschreiber, sondern auch erfahrene Regisseure. Beides trifft auf Hein nicht zu. Im Übrigen hat das Deutsche Theater (mit den Kammerspielen) zwei Bühnen zu füllen und als Repertoirehaus vielen Ansprüchen zu genügen. Jetzt wird es politisch verspielt.

Kultursenator Flierl hat sich in den letzten Monaten von diversen Seiten beraten lassen – und eine einsame, äußerst eigensinnige und auch für ihn gefährliche Entscheidung getroffen. Die beiden Herren sollten sich die Sache noch einmal überlegen. Ob sie sich und dem Theater das wirklich antun wollen.

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