Das Pop-Trio Young Fathers : Wut in Seifenblasen

Vom Außenseiter zum Aufsteiger: Das schottische Trio Young Fathers und sein Avantgarde-Pop-Album "White Men Are Black Men Too".

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Kayus Bankole, Alloysious Massaquoi und Graham Hastings sind die Young Fathers.
Kayus Bankole, Alloysious Massaquoi und Graham Hastings sind die Young Fathers.Foto: Big Dada

Die Young Fathers haben keine Zeit zu verlieren. Nach Berlin eingeflogen für nur einen Tag, gerade mal zwölf Stunden nach einer Show in St. Petersburg, strahlen sie eine rastlose Energie aus. Sie sitzen in einer Reihe an einem Tisch in Friedrichshain und die Leidenschaft in ihren Gesprächen spiegelt ihre energiegeladene Musik: Ihre Stimmen wechseln sich mühelos ab, erklingen im Chor. In unserer 30-minütigen Unterhaltung handeln sie alles ab, von risikoscheuer Popkultur über korrupte Politik bis hin zur Erklärung, warum ihre Musik Soul Music ist, „weil sie menschlich ist.“ Die Young Fathers scheinen auf einer Mission zu sein – und die Zeit drängt.

Dreht man die Uhr fünf Monate zurück, als sie zuletzt hier waren, gab es eine ähnliche Dringlichkeit. Damals hatte das schottische Trio mit „Dead“ gerade den Mercury Music Prize für das beste Album des Jahres 2014 gewonnen – es war ein Außenseitersieg, der Fans und Presse überraschte. Schon einen Tag nachdem ihnen in London der mit 20 000 Pfund dotierte Preis überreicht worden war, reisten die Young Fathers nach Berlin, um dort ihr zweites Album „White Men Are Black Men Too“ aufzunehmen.

Young Faters: Was denkt ihr beim Hören?

Für die Band war Berlin eine Art Experiment. Sie verschanzten sich im Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit, kurz ZK/U, bauten ein provisorisches Studio und schrieben neue Song. Inspiriert von den legendären Quality Control Meetings des Motown Labels, veranstalteten sie ihre eigenen Abhörsessions. Als mehrere Songs fast fertig waren, luden sie ein ausgewähltes Publikum zur Hörprobe ein und stellten Fragen: An welche Worte erinnert ihr euch? An was denkt ihr beim Hören? Könnte das ein Hit sein?

Für die Zuhörer war es ein fast unangenehm intimes Erlebnis. Die Young Fathers empfanden es ähnlich. „Wir ließen Leute, die wir nicht kennen, ein in unseren Raum,“ sagt Alloysious Massaquoi, „ließen sie unfertige Songs anhören. Das ist sehr persönlich. Man trägt seine Seele nach außen.“ Immer wieder erwähnt die Band dieses Bedürfnis, ihre Komfortzone zu verlassen. Dabei hat keiner der drei – alle sind 27 Jahre alt – einen „komfortablen“ Hintergrund. Massaquoi wurde in Liberia geboren, während das Land vom Bürgerkrieg zerrissen war. Er und seine Familie kamen mithilfe des Roten Kreuzes nach Edinburgh. Kayus Bankole hat nigerianische Wurzeln, eine Zeit lang lebte er in den USA. Graham Hastings wuchs in einer Sozialwohnbausiedlung in Edinburghs Stadtteil Drylaw auf, als Sohn eines Schweißers. Sie alle sind nach ihren Vätern benannt, deshalb der Bandname, und trafen sich das erste Mal mit 14 Jahren in einem Hip-Hop-Club für Teenager in Edinburgh. Sie verstanden sich sofort und begannen Musik zu machen, unterstützt von einer billigen Karaokemaschine.

Die Young Fathers verpacken Sozialkritik in Mitsingmelodien

Ihre unterschiedliche Herkunft, sagt Hastings, sei ein integraler Bestandteil dessen, was sie sind. „Wenn wir auf der Bühne stehen, stehen wir bereits für etwas ohne auch nur eine Note gesungen zu haben. Die Welt ist kein simplifizierter Ort aus Schwarz und Weiß.“ Dafür steht auch die Musik selbst ein. „Dead“ ist ein fantastisches Gemisch aus Kritik an globalen Konflikten, Schreien und Sirenen, kombiniert mit glanzvollen Pop-Hooks. Das Album ist ruppig, schockierend und süß. In dem Song „Low“ etwa verpacken sie ihre Sozialkritik („Mm, did I see you planting seeds in the forest / Is it for the green of the dollars/Now don’t go telling me it’s for the needs of the poorest“) in einer Mitsingmelodie.

Genau in solchen Momenten liegt das erstaunliche Talent dieser Band. Und hier knüpft „White Men Are Black Men Too“ an. Die neue Platte entzündet sich atemlos mit dem energiegeladenen „Still Running“ , das von der Flucht vor Folter erzählt. Daneben gibt es „Nest“, eine satirische Attacke auf Nestlé, komplettiert durch einen mitreißenden Chor der „Feed me mama, food for the village“ singt und damit die Ersatz-Säuglingsmilch des Konzerns verspottet. Dann wenden sich die Musiker anderen überraschenden Bildern zu, so wie in „Old Rock ’n’ Roll“, das ein Leben „like a bubble-wrapped ape“ beschreibt und damit Rassismus und vererbte Sichtweisen anprangert: „I’m tired of playing the good black ... I’m tired of wearing this hallmark for evils that happened way back“. In diesem Gewebe ist Wut vergraben, doch der Beat zieht einen mit. „Wir wollten nicht, dass die Songs Stopp-Start-Momente haben. Sie sollten einen durchgehenden Rhythmus haben, ähnlich wie bei klassischem Pop,“ sagt Hastings.

Ihre Musik hat Melodien, die treffen, trotz ihrer manchmal aggressiven und befremdlichen Klänge. Die Young Fathers sind nicht Hip-Hop. Sie sind nicht Soul. Ihre Musik ist komplett frisch und aus verschiedensten Einflüssen geschmiedet – in einem Moment ist es Motown, dann Boyband-Chorgesang. Um ein breites Publikum zu erreichen, liegt dem neuen Album der Sortierhinweis „File under rock and pop“ bei. Ihre Musik soll etwas bewirken und etwas aussagen. Und sie wollen sie möglichst weit verbreiten. „Das Hauptziel ist, die Menschen zu konvertieren,“ sagt Hastings und erklärt, dass er ihre Songs auf Mainstream-Radiosendern hören möchte. Und dass Radiosender die Kultur zum Besseren verändern könnten, indem sie das nichtssagende „weiße Rauschen“ auswechselten.

Zeit zu gehen, Zeit für einen Wandel

Dann sprechen die drei darüber, wie ihre Musik ganz spontan entsteht, mit Chorälen, Gesängen, Schreien. Wie sie einen Sound oder eine Gesangslinie mit ihren Smartphones aufnehmen und alles beibehalten, selbst wenn die Aufnahme schlechte Qualität hat, dafür aber die richtige Leidenschaft für den Song. Den Moment nutzen, den Tag nutzen – so ticken die Young Fathers. Während unseres Gesprächs hat Hastings das Etikett von der Wasserflasche abgezogen. Er hat das Papier in kleine Stückchen gerissen und ein Ziffernblatt geschaffen. Ihr Manager sagt, dass die Zeit um ist. Zeit zu gehen. Zeit für einen Wandel.

„White Men Are Black Men Too“ erscheint am 6.4. bei Big Dada/Ninja Tune. Konzert: Volksbühne, 14.6. im Rahmen des Torstraßen Festivals. (Text aus dem Englischen übersetzt von Claudia Eberlein)

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