Das Popjahr 2013 : Jetzt ist mehr Lametta

Popmusik ist so allgegenwärtig und schnell verfügbar wie nie zu vor. Wer mit einer neuen Platte wahrgenommen werden will, muss sich deshalb etwas Originelles einfallen lassen. Derzeit geht der Trend zum Album-Coup.

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Das Auge hört mit. Australische Daft-Punk-Fans mit Roboterhelmen bei einer Album-Launch-Party von „Random Access Memories“. Foto: picture alliance / dpa
Das Auge hört mit. Australische Daft-Punk-Fans mit Roboterhelmen bei einer Album-Launch-Party von „Random Access Memories“.Foto: picture alliance / dpa

Ein blau schimmernder Maschinenraum. Auf der Mittelkonsole liegt ein strahlendes Quadrat, die Kamera fährt heran und man erkennt einen Umschlag mit der roten Aufschrift „Confidential“. Eine Roboterhand zieht den Inhalt heraus. Es ist ein Plattencover mit zwei halben Roboterhelmen darauf. Vorsichtig drehen die Hände die Hülle, holen die schwarze Scheibe heraus, lassen sie im Licht schimmern und legen sie auf einen Plattenspieler. Die Nadel senkt sich, ein bombastischer SoftrockAuftakt erklingt und das Filmchen endet.

Ein Clip über das Auspacken einer Platte: „The Unboxing ,Random Access Memories‘“ nannten Daft Punk das Video, das sie wenige Tage vor der Veröffentlichung ihres vierten Albums im Mai online stellten. Es war der Schlussakkord einer immens aufwendigen und langen Promokampagne, mit der die Franzosen ihr neues Werk vorab zu einem Großereignis stilisierten. Für das Tamtam, zu dem auch riesige Werbetafeln, TV-Spots und Doku-Clips mit beteiligten Musikern gehörten, wurde das Duo teils hart kritisiert.

Dabei haben Daft Punk mit der Quasi-Fetischisierung ihres nostalgischen Konzeptalbums alles richtig gemacht. Denn sie sind der Erkenntnis gefolgt, dass es heute nicht mehr reicht, nur ein Album aufzunehmen, es in den Handel zu bringen, ein paar Anzeigen zu schalten und abzuwarten. Popmusik ist heute so allgegenwärtig und schnell verfügbar wie nie zuvor. Wer wahrgenommen werden möchte in der Flut von Neuerscheinungen, muss sich etwas Originelles einfallen lassen.

Daft Punk
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29.07.2009 08:31One more time: Dunkelheit empfängt die Velodrom-Besucher. Bevor das Konzert der französischen Pop-Ikonen von Daft Punk beginnt,...

Daft Punk waren nicht allein. Der Trend ging in diesem Jahr zum Album-Coup. David Bowie überraschte die Popwelt nach zehnjährigem Schweigen erst mit einem Videoclip, um sein Album „The Next Day“ dann eine Woche vor dem angekündigten Termin exklusiv bei einem Online-Kaufhaus herauszubringen. Kanye West ließ vor der Veröffentlichung von „Yeezus“ in mehreren Städten das Video zu „New Slaves“ riesengroß an Häuserwände projizieren. Das dazugehörige Werk brachte er dann ohne Cover in einer schlichten Plastikhülle heraus. Sein New Yorker Rap-Kollege Jay-Z ließ seine neuen Songs als Gratis-App von einem Mobiltelefonhersteller veröffentlichen. Und den letzten Knaller des Jahres lieferte Beyoncé, die ohne jegliche Ankündigung ihr fünftes Album zum Download bereitstellte – 14 Songs und 17 Videos. Keine Werbung ist auch Werbung, vorausgesetzt, man ist bekannt genug.

Die wichtigste Währung heißt heute Aufmerksamkeit. Die erhält man nicht mehr zwingend mit einer Albumveröffentlichung. Lady Gaga war das immer klar, schließlich hat sie ihre Madonna genau studiert. Mindestens so sehr wie um die Musik ging es bei Gaga von Beginn an um knallige Kostüme, exzentrische Auftritte und seltsame Gerüchte. Außerdem nutzte sie geschickt die sozialen Medien. Doch als sie die Spektakelmaschine anlässlich ihres dritten Albums „Artpop“ ein weiteres Mal anwarf, wirkte die Sängerin plötzlich traurig und verloren. Ihr Gefasel über Kunst und Pop klang abgegriffen, ihre Auftritte gerieten teils erratisch, teils waren sie reine Fanbetreuung. Aus Lady Gagas Team waren zuvor wichtige Kreativköpfe wie ihre Choreografin Laurieann Gibson und ihr Stylist Nicola Formichetti ausgeschieden. Ob es mit ihnen an Bord anders gelaufen wäre? In den USA wird „Artpop“, das nur ein kurzes Gastspiel an der Chartspitze hatte, bereits als „Artflop“ bezeichnet.

Beyoncé setzt auf die Kraft von Videos

Das Beispiel der 27-jährigen Lady Gaga zeigt, wie schnell ein Star heute wieder vom Popthron verschwinden kann. Gloriose Langzeitregentschaften wie sie Prince, Madonna und Michael Jackson einst erlebten, sind passé. Schon eine spätpubertäre Ex-Disney-Darstellerin, die mal kurz mit dem Hintern wackelt und nackt auf einer Abrissbirne schaukelt, reicht aus, um alle Blicke in eine andere Richtung zu lenken. Miley Cyrus’ Album „Bangerz“ schaffte es nach einem moderaten Start mit 270 000 verkauften Exemplaren, die sie auf Platz eins der Charts brachten, immerhin noch bis zur Halbe-Million-Marke. Ein nachhaltiger Erfolg wurde es ebenfalls nicht: „Bangerz“ kraucht in den US Billboard-Charts derzeit auf Platz 20 herum, Lady Gaga auf Platz 18.

Thin White Duke: David Bowie
David Bowie 1976. Der britische Sänger lebte von 1976 bis 1978 in einer großen Altbauwohnung in Schöneberg. Foto: AFPAlle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: AFP
19.05.2014 12:08David Bowie 1976. Der britische Sänger lebte von 1976 bis 1978 in einer großen Altbauwohnung in Schöneberg.

Ganz oben steht hingegen Beyoncé, die nicht mal eine Woche benötigte, um ihr selbstbetiteltes fünftes Album über eine Million Mal zu verkaufen – und das nur per Download. Als CD kam das Werk erst später in den Handel. Die Sängerin nennt es „Visual Album“, wegen der aufwendigen Clips zu jedem Song. Auch das mag eine Reaktion auf die Dauerkrise des Albumformats sein, die mit den massiven Umsatzeinbrüchen der Tonträgerindustrie vor rund zehn Jahren begann.

Stand die Branche lange unter Netz- und Piraterieschock, haben sich die Musikerinnen und Musiker mittlerweile umgestellt. Sie verdienen ihr Geld jetzt vor allem mit Auftritten, nicht mehr mit Alben. Diese dienen höchstens noch als Anlässe für Tourneen. Weibliche Popstars wie Rihanna, Katy Perry oder Lady Gaga bringen zudem neben den üblichen Fanartikeln auch Parfüms und Modelinien heraus. Madonna besitzt sogar eine Fitnessstudio-Kette. Männer machen seltener in Parfüm – Justin Bieber hat natürlich eins –, dafür vertreiben sie beispielsweise Kopfhörer. Auch Werbung und Sponsoring sind alternative Einnahmequellen.

Die Musikindustrie hat trotzdem stets am Albumformat festgehalten, unbeirrt, von Stimmen wie dem „Musikexpress“, der es kürzlich mit einem „schon halbtot in den Seilen hängenden“ Boxer verglich. Die Branche stabilisiert sich derzeit. Der deutsche Markt konnte in der ersten Jahreshälfte erstmals seit einer Dekade wieder ein leichtes Wachstum verzeichnen. Einen großen Anteil daran haben digitale Angebote, vor allem die boomenden Streamingdienste. Sie stellen ihren Nutzern jeweils rund 20 Millionen Songs zur Verfügung – leihweise. Wer ein Smartphone hat, kann auch unterwegs hören, für etwa zehn Euro im Monat.

Der vielfach verkündete Tod des Albums wird nicht so schnell kommen

Niemand muss mehr monatelang sein Taschengeld sparen, um sich ein oder zwei Alben der geliebten Band leisten zu können, um diese dann in Dauerschleife zu hören. Heute ist der nächste Song immer nur einen Klick weit entfernt, was zum sprunghaften Hören verführen kann. Hier kurz in die Empfehlung eines Freundes reinhören, da ein Video anschauen, dort einen Gratissong runterladen. Aber ein Album von Anfang bis Ende ohne Unterbrechung durchhören, das ist nicht mehr die Regel in digitalen ADS-Zeiten.

Weil das Album an Renommee und Durchschlagskraft verloren hat, inszenieren die einen Release-Spektakel. Andere werden mit ihren lang angekündigte Debütalben einfach nicht fertig. Bei Haim, der großen Newcomer-Hoffnung des Jahres, mussten die Fans bis Ende September warten, bei Rapperin Angel Haze bis Ende des Jahres. Und bei ihrer schon seit 2012 gehypten Kollegin Azealia Banks dauert es wahrscheinlich noch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Für Nachwuchskünstler gibt es offenbar auch so genug zu tun – der Punkt „Album fertigstellen“ steht nicht mehr automatisch auf Platz eins ihrer To-Do-List.

Dennoch: Der immer wieder vorhergesagte Tod des Albums wird so schnell nicht eintreten. Das liegt weniger an Nischenentwicklungen wie der neuen Blüte der Vinylkultur, sondern vielmehr daran, dass es in seiner grundsätzlichen Form – nämlich als Songsammlung – immer noch plausibel und praktisch ist. Für die Bands als Ausdruck ihrer Kreativität und Visitenkarte. Für die Fans als Hörgenuss und Sinnzusammenhang. Zwei, drei Songs im Netz reichen eben doch nicht, um die Begeisterung für einen Musiker auszuleben. Und wie sollte im Übrigen eine Tour zu einer Single aussehen? Oder zu einem Video?

Wahrscheinlich hat Arcade-Fire-Frontmann Win Butler recht. Nach dem Albumformat befragt, das sich in den letzten 50 Jahren strukturell kaum verändert habe, antwortet er einfach: „Es gibt auch immer noch Züge und Autos. Und ein Auto ist auch nur eine schnellere Kutsche.“ Vielleicht ist es Zeit für ein paar schickere Felgen und schnellere Reifen.

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