Kultur : Das Präsenzwunder

Theaterpreis Berlin: Josef Bierbichler wird zum Theatertreffen-Finale geehrt

Andreas Schäfer

Zur Verleihung des Deutschen Filmpreises 2007 kam er gar nicht erst. Josef Bierbichler, der größte deutschsprachige Ich-bin-ich-Schauspieler, stand an jenem Abend auf der Bühne. Und die ist ihm nun mal der liebere Ort. Weil dort die Möglichkeit von Glück existiert. Für Momente jedenfalls, wenn man merkt: „Jetzt spielt es von selbst.“ Andererseits gibt es am Theater auch Regisseure, die, so Bierbichler, „Hofnarren der Demokratie“ sind. Furchtbar! Und Schauspieler, also Psychodynamik. Noch furchtbarer! Weshalb sich Josef Bierbichler, 1948 im bayerischen Ambach geboren, in den letzten Jahren auch vom Theater etwas zurückgezogen und sich verstärkt um seinen geerbten Bauernhof gekümmert hat. Wenn er sich doch auf der Bühne zeigt, wie in seinem Solo „Holzschlachten“ an der Schaubühne, dann bringt er selbst gefällte Bäume mit, um sie live zu spalten und dem Theatervolk zu zeigen, was „künstlerische Arbeit“ wirklich ist. Einfach, körperlich und erfahrungsgesättigt. Alles andere interessiert Bierbichler nicht. Preisverleihungsgedöns schon gar nicht.

Von daher ist es eine kleine Sensation, dass er am Sonntagmittag auf der Bühne im Haus der Berliner Festspiele steht, um den „Theaterpreis Berlin der Stiftung Preußische Seehandlung“ entgegen zu nehmen. Es ist der letzte Tag des Berliner Theatertreffens, ein Tag, den Bierbichler in seinem Buch „Verfluchtes Fleisch“ als Termin für einen Kollektivselbstmord des gesamten deutschsprachigen Regie-Clans empfohlen hatte – woran Ulrich Matthes, Preisträger des Vorjahres, genüsslich erinnert. Bierbichler dankt, als Klaus Wowereit ihm die Urkunde überreicht – und fügt, auch an die Adresse des Preisgebers, hinzu: „Wir müssen ja nicht gleich Freunde werden.“

Dann versuchen sechs Kollegen eine Annäherung an das Präsenzphänomen Bierbichler und treten dabei so lakonisch, wortkarg und minimalistisch auf, als hätte der Geehrte bei seiner eigenen Hommage Regie geführt. Dimiter Gotscheff erzählt eine Geschichte, die in Russland spielt und so vielsagend kurz ist, dass keiner sie versteht. Samuel Finzi lenkt die Aufmerksamkeit auf Bierbichlers Hände. Die seien nicht nur groß, sondern auch zart und vertrauenerweckend und hätten ihn einmal in einer polnischen Bar vor einer Prügelei bewahrt. Bierbichlers Hände (und seine väterliche Weisheit) spielen auch in Mark Waschkes grandiosem Liebesgedicht eine Rolle, das Bierbichlers Erleuchtung über das Wesen des Einfachen beschreibt. Dass dieses Einfache nicht nur künstlerischer Selbstzweck ist, sondern – da es von den sogenannten einfachen Menschen herrührt – auch politisch, daran erinnert B. K. Tragelehn in seiner Laudatio „Josef Bierbichler ist ein Neger“.

Und was sagt Bierbichler selbst? Er spricht von Macht und Ohnmacht der Sprache. Von der tastenden, Wahrheit suchenden Sprache, die dennoch nie das Leid des anderen vollständig erfahrbar macht. Und von der verschleiernden Sprache der Politiker, von denen einige den terroristischen Teufel nur an die Wand malen, um die freiheitlichen „Pfeiler des Rechtsstaats“ antasten zu können und für vorhersehbare Auseinandersetzungen zwischen Arm und Reich polizeilich gewappnet zu sein. Ein Josef Bierbichler kommt nicht wirklich zu einer Preisverleihung, um sich feiern zu lassen. Andreas Schäfer

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