Kultur : Das Predigen ist ein langer, ruhiger Fluss

John Junkermans Dokumentarfilm über Noam Chomskys streitbare Thesen: „Power and Terror“

Jan Schulz-Ojala

Keine Frage, dies ist ein Guru-Film. Keine kritischen Fragen. Applaus. Autogrammjäger. Anbetung eines Mannes, der vor 3000 Leuten mit so unbewegtem Gesicht und so modulationsarmer, leiser Stimme spricht wie beim Einzelinterview. Singsang des Meisters: Das Predigen ist ein langer, ruhiger Fluss.

Andererseits: „Power and Terror“ hat, so stereotyp die altlinken Politthesen des inzwischen 75-jährigen Noam Chomsky wirken mögen, angesichts des amerikanischen Irak-Desasters durchaus aktuelle Dringlichkeit. Die Gastvorträge des gelernten Linguisten und Polit-Publizisten aus Leidenschaft, die der Dokumentarfilmer John Junkerman im Frühjahr 2002 aufzeichnete und durch Interviews ergänzte, haben ihren Reibungsreiz – vor allem verglichen mit dem schweren Geschütz, das Kollege Michael Moore derzeit erfolgreich gegen die US-Regierung auffährt. Moore ist der im Kern optimistische Patriot, der ein besseres Amerika will, Chomsky ist der pessimistische Verächter jedweder Großmachtpolitik. Gegner von Bush allerdings sind sie beide.

Chomsky sagt: Die USA sind ein Terrorstaat, der jahrzehntelang aus imperialistischen Motiven Zehntausende von Zivilisten überall auf der Welt getötet hat. Da müsse er sich über Gegenwehr nicht wundern. Ein „Krieg gegen den Terror“sei da pure Heuchelei. Den 11. September habe die Regierung zudem genutzt, mit einer Angstkampagne die Macht nach innen zu festigen – da ist Chomsky ganz auf Moores Linie.Wie kann man den Terror stoppen? „Hör auf mitzumachen“, ist sein Rat. Einer an die US-Regierung und an jeden seiner Zuhörer.

Klare, auch simplifizierende Feindbilder. Und doch: Dieser kalt und luzide argumentierende Charakter hat in vielem Recht. Der kürzere, zweite Teil des Films, ein „Nachkriegs“-Interview vom Juli letzten Jahres, macht den Propheten Chomsky, der zu Hause wegen seiner radikalen Thesen eher belächelt als angefeindet wird, einmal mehr zum Helden. Das stimmt nicht gerade fröhlich, macht den Film aber ungeachtet seiner lippenableserischen Grundhaltung zum Gewinn. Einmal immerhin lässt Chomsky ein bisschen Hoffnung durchschimmern, als er Bushs Amerika nur „eine Version der USA“ nennt: kleiner Gruß an Michael Moore.

Lichtblick, Central, fsk (alle OmU)

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