Kultur : Das Prinzip Kreuzberg

Lebendige Geschichte: Das Museum für Fotografie eröffnet mit dem Aktionskünstler Raimund Kummer

Ulrich Clewing

Der Stahlträger ist neun Meter lang, einen knappen Meter hoch und etwa vierzig Zentimeter breit. Er wiegt anderthalb Tonnen. Das Fenster dagegen ist klein, die Tür zum Ausstellungsraum vergleichsweise niedrig. Und das Treppengeländer, das den Weg versperrt, wirkt auch nicht sonderlich stabil. Irgendwie haben sie das Ungetüm dann doch noch ins Innere bugsiert an diesem Nachmittag. „Sonst“, sagt Raimund Kummer, „wäre das Ganze auch zu einfach gewesen.“ Nur einen Film zu zeigen, das war dem Mitbegründer der legendären Künstlergruppe Büro Berlin, nicht genug. Und deshalb musste der stählerne Balken mit dem charakteristischen Knick in der Mitte mit hinein ins Museum. Einmal, weil er nicht nur ein Stahlträger ist, sondern in gewisser Weise auch eine Skulptur. Zum anderen, weil er eine Geschichte hat.

Zuletzt hatte er dem Künstler in seinem Kreuzberger Hof als Abstellfläche für Blumentöpfe gedient. Doch seine Geschichte ist älter. Als Berlin noch Frontstadt des Kalten Krieges war, gab es überall Unerhörtes zu entdecken, in Kreuzberg, in unmittelbarer Nähe der Grenze zum Osten: besetzte Häuser, geheimnisvolle Hinterhöfe, Brachland mitten in der Stadt. Eine nervöse, aufgekratzte Stimmung herrschte damals in Berlin-West zu Ende der Siebziger, Anfang der Achtzigerjahre. Niemand hätte damals auch nur einen Moment daran gezweifelt, an einem beinahe schmerzhaft aufregenden Ort zu leben.

Zu dieser Zeit war Raimund Kummer oft tagelang auf Tour durch Berlin, immer auf der Suche nach Situationen, „die ich plastisch interessant fand“. Die Stadt war voll mit Kunst, man brauchte nur genau hinzuschauen. Seine Freunde und er, frisch von der Hochschule der Künste, hatten sich auf Interventionen verlegt, auf künstlerische Eingriffe in den Alltag, die spontan entstanden und meist schnell wieder verschwunden waren. Nicht erkannt zu werden, spielte dabei eine fast ebenso große Rolle wie die präzise Auswahl der fraglichen Objekte, denn nur so war der gewünschte Überraschungseffekt wirklich garantiert. Eines Tages stieß Kummer auf ein Abbruchhaus in der Naunynstraße. Dreißig, vierzig Stahlträger lagen da auf der Baustelle, die der Bagger immer wieder auf dieselbe Stelle geworfen hatte. „Dadurch“, erinnert sich Kummer, „ergab sich eine zufällige Figur, die aussah wie ein Spaghettihaufen. Diesen Haufen habe ich lackiert, in Rot.“ Die Markierung sollte aus dem Banalen das Besonderes machen und die Aufmerksamkeit der Menschen auf etwas lenken, das sie normalerweise übersehen hätten. Später kaufte er dem Alteisenhändler einen der grell rot bemalten Stahlträger ab und schaffte ihn in sein Atelier. Verschiedene Ausstellungen, Aktionen und Happenings folgten – und jede einzelne Station dieser Reise hielt Kummer mit dem Fotoapparat fest.

Vor zwei Jahren nun ist aus diesen Fotos am Computer der Film geworden, der jetzt – ergänzt durch den echten Stahlträger – in der Auftaktausstellung im neuen Museum für Fotografie zu sehen ist. Dass ausgerechnet Kummer für diese erste Ausstellung ausgewählt wurde, hat bei manchen Verwunderung ausgelöst. Ludger Derenthal, der Leiter des Museums, hält den 1954 geborenen Bildhauer und Aktionskünstler, inzwischen Professor an der Kunsthochschule in Braunschweig, dafür in vielerlei Hinsicht für bestens geeignet. Erstens will man sich im Museum für Fotografie, das sich das Gebäude der ehemaligen Kunstbibliothek in der Jebensstraße mit der vor drei Wochen eröffneten Helmut-Newton-Stiftung teilt, nicht durch die klassischen Gattungsgrenzen einengen lassen. Insofern ist die Entscheidung für einen Skulpteur, der auch fotografiert, durchaus programmatisch. Und zweitens, sagt Derenthal, zähle Kummer zu den Künstlern, die hervorragend mit einem Raum wie diesem umgehen können.

Das ist auch dringend notwendig. Anders als die Ausstellungsräume im ersten Stock, von der Helmut-Newton-Stiftung auf eigene Rechnung aufwändig renoviert, ist der so genannte Kaisersaal im zweiten Stockwerk nämlich nichts anderes als eine notdürftig hergerichtete Ruine. Die Mauern unverputzt, der Dachstuhl offen: In zwei Jahren, so hofft man bei den Staatlichen Museen, wird genügend Geld für die Sanierung beisammen sein. Bis dahin aber wäre filigrane, kleinformatige Kunst und Fotografie in dieser Umgebung definitiv auf verlorenem Posten. Die Raumwirkung drängt sich so stark in den Vordergrund, dass man mit mächtigen ästhetischen Gegengewichten operieren muss. Da kommt ein Künstler wie Kummer gerade recht. Denn so verdienstvoll und zukunftsweisend die Gründung des Museums für Fotografie auch sein mag: ein bisschen Kreuzberg-Erfahrung aus den Achtzigerjahren kann nie schaden.

Museum für Fotografie, Jebensstraße 2 (am Zoo), Di–So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr (ab 18 Uhr Eintritt frei), bis 26. 9.

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