Kultur : Das Prinzip Patchwork

Johannes Völz

Das Konzert ist aus, der Beifall verhallt, die Musiker verstauen ihre Instrumente. Doch die Dicke im kurzen grünen Kleid hat noch nicht genug. Sie drängt an den Bühnenrand, zerrt an der Schulter des Saxofonisten, schreit ihm ins Gesicht: "Aah - das hat mich umgehauen!" Die Band soll weiterspielen, mehr Ekstase, mehr Höllenkreischen, mehr Musik. Valerie Wilmer stellt diese Szene an den Anfang ihres Buches, das im Original 1977 erschien und John Coltrane im Titel führt. Etwa noch ein Buch über den Mann, der nach seiner religiösen Erleuchtung im Jahr 1957 die Drogen links liegen ließ und bis zur Aufopferung Saxofon übte, um dem Herrn zu dienen?

Die Szene zu Beginn gibt die Antwort. Denn nicht John Coltrane ist der Mann, dem die Frau in Grün ihre Begeisterung ins Ohr brüllt, sondern Frank Lowe, ein längst vergessener Saxofonist, der in den 60er und 70er Jahren einige entlegene Plattenaufnahmen machte. Die Geschichten der Namenlosen sind es, die die englische Journalistin in den Mittelpunkt stellt. Lange Jahre lebte sie in New York, ihr Zugang zum Free-Jazz war der eines Fans. Als die Bewegung so gut wie auseinander gebrochen war, beschloss sie, ein Dokument für die Nachwelt zu schaffen.

Ein chaotisches Buch ist dabei herausgekommen, so ungeordnet wie die Musik selbst. Ihre Interviews hat sie in Schnipsel gerissen und über die einzelnen Kapitel zerstreut, Themen schneidet sie meist nur an, springt lieber zwischen den Assoziation hin und her. Ein Patchwork, das zwar als wissenschaftliches Dokument kaum zu gebrauchen ist, das dafür aber umso mehr aussagt über das Lebensgefühl der Künstler und ihre Überzeugungen. Immer wieder lässt sie die Musiker den Zusammenhang von Free Jazz und "Black Power"-Bewegung erläutern und relativieren. In die Falle, den Musikern eine auch politische Radikalität zu unterstellen, tappt sie nicht - anders als Frank Kofsky in seinem berüchtigten Buch "Black Nationalism and the Revolution in Music".

Einige Kapitel sind zwar mit den bekannten Namen wie Coltrane, Cecil Taylor, Ornette Coleman und Sun Ra überschrieben, doch zu Wort kommen darin vor allem diejenigen, die nie einen Plattenvertrag oder auch nur regelmäßige Auftritte bekommen haben: Musiker wie Milford Graves, Noah Howard und Ted Daniel. Einige wenige von ihnen kamen doch noch zu Ruhm. Etwa der Pianist Ellis Marsalis, Vater der heutigen Jazzstars Wynton und Branford. Dessen Auftritt in Wilmers Buch ist doppelt kurios. Bevor er gemeinsam mit Wynton den konservativen Flügel des Jazz zu verkörpern begann, schwärmte er davon, wie Ornette Coleman die Musik von den Harmonien befreit habe. Er selbst war damals weitgehend unbekannt: "Marsailis" buchstabiert Wilmer ihn - ein Fehler, der in der deutschen Übersetzung erhalten geblieben ist.

Der einstige Status des Free Jazz wird heute gerne überschätzt. Denn ungeachtet der Tatsache, dass Ornette Coleman 1959 mit seinem ersten Auftritt in New York einen kleinen Skandal auslöste, schwand das Interesse an den wilden Improvisationen, die oft die Länge einer Schallplattenseite überstiegen, schnell. Erfolgreicher waren Miles Davis, Herbie Hancock und Chick Corea, die versuchten, mit Jazzrock die Woodstock-Jugend zu erreichen. Free Jazz verengte sich zu einer Nische für Eingeweihte. Dass Wilmer diesen kleinen Zirkel beleuchtet, macht ihr Buch zu einem wichtigen Dokument. So erzählt sie vom New Yorker Anwalt Bernard Stollmann, der 1964 nach einer Jamsession in Harlem spontan beschloss, die Plattenfirma ESP Disk zu gründen. In den folgenden sechs Jahren verlegte er zahllose New Yorker Free Jazzer wie Ornette Coleman, Pharoah Sanders, Albert Ayler und Sun Ra. Die ESP-Platten zählen zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der jüngeren Jazzgeschichte - und gleichzeitig zu den unbekanntesten. Immerhin, mit ein wenig Aufwand sind sie noch immer erhältlich (Plattenhändler müssen sie bei der amerikanischen Firma "Get Back" bestellen).

Wilmer schildert auch, wie sich der Schlagzeuger Milford Graves und der Pianist Don Pullen selbst behelfen wollten, indem sie ihre eigene Plattenfirma gründeten. Die trug den rührenden Namen "Self Reliance Project", und Graves tat sich nicht nur als Schlagzeuger hervor, er malte auch die Plattencover.

Etliche solcher obskuren Geschichten hat die Autorin zusammengetragen. Leider versteigt sie sich in ihrem Enthusiasmus zu einigen unhaltbaren Thesen. So entgegnete sie auf den nicht ganz unzutreffenden Einwand, Free Jazz hätten vor allem weiße Intellektuelle gehört: "Eine Musik, die für ein Jazzpublikum schwierig sein mochte, wurde von der Durchschnittsbevölkerung des schwarzen Stadtteils von Queens begeistert aufgenommen". Das war ihr Wunsch. Aber wahre Fans bekommen eben nie genug.

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