Kultur : Das Prinzip Prominenz

„Superstars“ oder Die Kunst des Glamours: eine Doppelausstellung in Wien

Nicola Kuhn

Die drei Liedzeilen sind Programm; in ihnen konzentriert sich ein ganzes Ausstellungskonzept: „I don’t know who you are,/but you must be some kind of superstar,/coz you got all eyes on you no matter where you are.“ Auch die Wiener Doppelausstellung hat alle Augen auf sich gerichtet, denn sie zeigt die Superstars der Kunst. „Von Warhol bis Madonna“ lautet der Untertitel der riesigen Schau, die sich auf die Kunsthalle und das BACA-Kunstforum verteilt und über hundert Künstler vereint. „Das Prinzip Prominenz“ will sie kritisch beleuchten und macht sich doch die simple Methode eines typischen People-Magazins zu Eigen: je mehr bekannte Köpfe, desto besser für die eigene Bekanntheit.

Wahllos versammelt die Ausstellung alles, was in der Kunst Rang und Namen hat und irgendwie das Thema Glamour umkreist. Ein Kessel Buntes kommt dabei heraus: das klassische Dilemma einer Themenausstellung, wenn nur zusammengekehrt wird, was gerade zu haben ist. Unfreiwillig wirft die Schau nicht nur ein Licht auf ein gesellschaftliches Phänomen, das selbst in der bildenden Kunst seine Wirkung zeitigt, sondern auch auf die Problematik zweier Ausstellungshäuser im heiß umkämpften Wiener Museumsmarkt. Sie sind angehalten, mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit des Publikums zu buhlen und hoffen nun, mit dem „Prinzip Prominenz“ einen doppelten Treffer zu landen.

Damit wird „Superstars“ zum Abbild dessen, was sie eigentlich zu untersuchen vorgibt. Sie wird selbst zum „künstlichen Paradies“, in dem sich sorglos lustwandeln lässt, ohne den Dingen auf den Grund gehen zu müssen. Kritische Betrachtungen bleiben Randnotiz, wirken letztlich wiederum affirmativ. Georgina Starr lässt in ihrem Video zwar tückisch auf weiß gewandete Mannequins schießen und sie dekorativ verbluten. Die Attentäter: eine Kinderbande, die die Modenschau in Häschenkostümen stürmt. Ansonsten dürfen die beautiful people aber fröhliche Urständ feiern.

„Everybody could be a star for 15 minutes“, hatte Andy Warhol versprochen. Zum Beleg seiner prophetischen Worte widmet die Ausstellung dem BigBrother-Container ein eigenes Kapitel. Ähnlich unbeschwert wie die TV- Selbstdarsteller verwechselt auch die Wiener Ausstellung Prominenz mit Populismus und entzieht damit ihrer eigenen Betrachtung die Grundlage. An Warhols Person aber lässt sich nicht nur der Glamour, sondern auch die Tristesse eines Celebrity-Daseins ablesen, an seinem Werk die Konstruktion von Berühmtheit studieren. Zu den eindrucksvollsten Beiträgen der Schau gehört Warhols höchst unspektakuläre Videostudie von Edie Sedgwick, seinem in den Sechzigerjahren bevorzugten Modell. In einer gesplitteten Projektion, die wiederum doppelt an die Wand geworfen wird, posiert die junge Frau und kommentiert zugleich kichernd und kopfschüttelnd die eigenen Posen. Wie ein ernüchternder Kommentar zu diesem koketten Spiel mit dem Medium und der mittels Kamera zum Leben erweckten Figur erscheint die Vitrine daneben. Sie präsentiert Beispiele von Edie Sedgwicks eigenen erfolglosen Versuchen als Künstlerin und erinnert an ihr erbärmliches Ende als Drogensüchtige.

Mit Andy Warhol und seiner silbrigen Perücke begann die strategische Selbstinszenierung des Künstlers als Star, die einer wie Jeff Koons auf die Spitze trieb. Der ehemalige Broker, der die Gesetze der Wallstreet in den Achtzigern gnadenlos auf den Kunstmarkt übertrug, vermählte Leben und Werk zu einer unauflösbaren Einheit. Das schließt auch den Absturz in den Abgrund der Peinlichkeiten beim gemeinsamen Posing mit Pornostar und Ehefrau Cicciolina ein. Und doch gab es diese Stilisierung der eigenen Person schon früher; Malerfürsten wie Rembrandt, Michelangelo oder Tizian setzten den Kult um ihre Kunst geschickt zu ihrem privaten Nutzen ein – und umgekehrt. Dass Kunst selbst einen Promi-Faktor besitzen kann, ist spätestens seit Mona Lisa bekannt. Nicht nur Menschentrauben vor dem gepanzerten Bild im Pariser Louvre zeugen davon, sondern auch die hunderterlei Reflexe auf das berühmte Konterfei. Die Ausstellung versammelt eine Vielzahl an Beispielen von Duchamps spitzbärtiger Mona Lisa bis zu Boteros pausbäckigen Brocken.

Eine Wendung ins Tragische erhält die Koketterie mit der Wiedererkennbarkeit im Werk der französischen Künstlerin Orlan, die ihr eigenes Äußeres den Schönen der Kunstgeschichte mit Hilfe des Skalpells eher erfolglos anzuverwandeln versucht. Die Augenbrauen hat sie von Mona Lisa, die Nase von Göttin Diana und den Mund von Europa nach dem Gemälde von Gustave Moreau. Die Ausstellung zeigt schauderhafte Filmausschnitte von ihrer Schönheitsoperation.

Der italienische Künstler Maurizio Cattelan, der im kommenden Jahr die Berlin-Biennale kuratiert, dreht den Spieß einfach um. Er verleiht der Kunst sein eigenes markantes Konterfei. In Wien schlüpft er in die Rolle von Joseph Beuys, dem anderen großen Selbstinszenierer nach Andy Warhol. Als lächerliche Puppe im Filzanzug hängt er an einer Garderobe, als hätte ihn die Kunstgeschichte dort vergessen. Davon kann kaum die Rede sein, wenn eine begnadete Anverwandlerin wie die amerikanische Künstlerin Elaine Sturtevant wie einst Beuys auf einem Plakat auf den Betrachter zugeht , und darunter steht „La Rivoluzione siamo Noi“: Wir sind die Revolution. Die Wiederholung der Beuysschen Geste enthüllt die Methode des Prinzips Prominenz – und dreht sie doch nur eine Pirouette weiter.

Diese Tanzfigur beherrschen nur wenige; auf dem Parkett der Öffentlichkeit ist schon so mancher ausgerutscht. Vor lauter Superstars haben auch die Wiener Kuratoren die Führung verloren. Der Glanz bleibt geliehen.

Kunsthalle Wien und BA-CA-Kunstforum, bis 22. Februar; Katalog (Hatje Cantz) 39,80 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben