Kultur : Das Privileg der ersten Nacht

Bodo Mrozek

In der Berliner Club-Szenerie herrscht eher gedämpfte Stimmung. Verglichen mit den Jahren, in denen man jedes Wochenende die Qual der Wahl zwischen Gleichwichtigem hatte, weil überall neue interessante Räume das Glück der ersten Nacht versprachen, ist es eher ruhig geworden. Um so mehr Aufmerksamkeit zieht da eine Neueröffnung auf sich. Wenn heute in Kreuzberg der Lido Club eröffnet, dann wird damit eine wechselhafte Geschichte fortgesetzt. Denn in dem alten Kino in der Cuvrystraße 7 residierte, als Berlin noch eine Insel war, die berüchtigte Rocker-Disco „West-Zeit“, bekannt aus dem Polizeibericht. Danach zog die etablierte Kultur ein: Die Schaubühne hatte hier ihre Probebühne. Nun soll in dem charakteristisch gerundeten Flachbau wieder geschwoft werden. Neuer Betreiber ist DJ Spencer vom Karrera Klub, einer der erfolgreichsten Berliner Veranstalter der vergangenen zehn Jahre. Mit seinen Mitstreitern ist er die Personifizierung des Brit-Pop in Berlin: Nicht nur organisiert er eine unüberschaubare Zahl von Partys und Konzerten in jeweils wechselnden Berliner Etablissements – zuletzt häufig im Postbahnhof –, auch druckt er seit Jahren eine monatliche Übersicht der Brit-Pop-Konzerte, die sich längst zum wichtigsten Infomedium dieser Szene gemausert hat. Und eine damals völlig unbekannte Band namens Franz Ferdinand hat er vor Jahren auch nach Berlin geholt. Die längst weltberühmte britische Kapelle hält dem Karrera Klub deshalb weiterhin die Treue.

Nach einem Jahrzehnt Nomadentum will man nun sesshaft werden. Gestern durften sich die geladenen Gäste bei der inoffiziellen Eröffnung davon überzeugen, dass die Arbeit gelungen ist: Die schön geschwungene Theke und die hölzerne Tanzfläche erstrahlen in neuem Glanz. Und auch das Programm will sich sehen lassen. Pünktlich zum Beginn der British Music Week (Programm unter: www.britishmusicweek.de) spielen mit Amusement Parks On Fire, Absentee und Euro Childs gleich drei englische Bands zur Eröffnungsparty (ab 20 Uhr).

Wer weiß, vielleicht gibt es so ja tatsächlich bald die viel beschworene Renaissance Kreuzbergs als Club- und Tanzquartier. Bisher jedenfalls zeugten die Karrera-Projekte stets von einem sicheren Instinkt für die richtige Sache am richtigen Ort.

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