Kultur : Das Programm des Neuen Berliner Kammerorchesters

Martin Wilkening

Mit der Programmgestaltung seiner sechs Konzerte zeigt sich das Neue Berliner Kammerorchester in dieser Spielzeit ganz besonders ambitioniert. Wer solche (Wieder-) Entdeckungen wie Arthur Louriés Concerto da Camera von 1945 zusammen mit Arvo Pärts "Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte" und Schostakowitschs 14. Sinfonie präsentiert, hat allein schon einen Preis verdient.

Lourié, nach kurzen Jahren als sowjetischer Musikkommissar der ersten Stunde, 1922 über Berlin und Paris nach Amerika emigriert, war bei seinem Tod 1966 als Komponist völlig in Vergessenheit geraten. Da und dort gibt es inzwischen Wiederaufführungen seiner Werke, die alle hochindividuell erscheinen und in ihrer musikalischen Sprache überwiegend durch Ernst und Trauer geprägt sind. So auch das Concerto, das seinen Klangapparat von Solovioline und Streichorchester ganz unorthodox einsetzt, mit einer unbegleiteten Violincaprice beginnt, eine Aria nur zwischen zwei Violinsolisten, oder einen anderen Satz nur zwischen Violine und Bratsche entwickelt, und überhaupt die verschiedenen Streicherqruppen fast nie im Sinne eines den ganzen Apparat integrierenden Tuttis verwendet. Ein gespannt-elegischer Ton herrscht in dem ganzen Werk, das jedoch auch herben Neoklassizismus und virtuosen Witz in sich aufnimmt. Michael Erxleben spielte technisch brillant und tonlich äußerst intensiv, insgesamt allerdings auch mit etwas eintöniger Glätte.

Arvo Pärts Bienenzüchter-Phantasie, entstanden 1976 in Estland, noch vor der Emigration, stellt minimal-music-artig vibrierende Klangflächen als Ausdrucksmittel, nicht als Stil, anderen Ausdrucksmitteln gegenüber, hier eine passionsartigen Bach-Ton: die fromm ausschwingende Kadenz in h-Moll gibt dem minimalistischen Hummelflug und seinem Gesumm am Schluss ein Zuhause. Ein schöner Auftakt, und mit seiner rührenden Schlichtheit doch auch nicht so weit von Louriés schwärmerischer Melancholie und dem unerbittlichen Ernst entfernt, der in Schostakowitschs 14. Sinfonie, eigentlich einem elf-sätzigen Liederzyklus, herrscht. Ein kleiner Streicherapparat und ein paar harte, eher helle Schlaginstrumente, Kastagnetten, Holzblock, kleine Trommel, Xylophon und natürlich Glocken werden in einer Kargheit und Ausgedünntheit eingesetzt, die etwas wirklich Erschreckendes haben kann. Die Gesangssolisten Brigitta Wohlfahrt und Hubert Claessens sicherten der traurigen Botschaft exzellente Verständlichkeit, das Orchester unter Jyac van Stehen zeigte sich hier allerdings den besonders heiklen Anforderungen der dünnstimmigen Partitur nicht durchwegs gewachsen. Aber das hatte man auch schon anderenorts so erfahren können.

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