Kultur : Das proletarische Gespenst

Schönbohm und die Brandenburg-Debatte: Warum die DDR nicht an allem schuld ist

Kerstin Decker

Man muss nicht in der DDR gelebt haben, um über sie urteilen zu können. Trotzdem sollte man nicht durch Äußerungen auffallen, die vor allem eins verraten: Der weiß nicht, wovon er spricht! Wenn man im Osten noch immer bald gefragt wird, woher man kommt, so hat das einen rationalen Grund. Es ist ein Klimatest. Die DDR war nicht einfach ein Gegenstand, auf den man von außen gucken kann, sondern sie war eine Käseglocke. Entsprechend roch es darunter. Aber dieses Binnenklima hatte ganz eigene Strömungsverhältnisse, Temperaturen, Windstärken. Schönbohm & Co, die Anders-Klimatisierten, haben keinerlei retrospektive Fremd-Wetterfühligkeit.

Was an den Schönbohm-Denkern so nervt, ist ihr totalitärer Denkstil. Die Marxisten früher, auch große Ein-Komponenten-Denker, dachten genauso abstrakt. Die Hardcore-Antikommunisten (und DDR-Hasser) waren den Betonkommunisten schon immer so unfassbar ähnlich. Eine Ursache – verheerende Fern-Wirkungen. Wahrscheinlich glauben die easy thinker, dass ein totalitärer Denkstil eine totalitäre Gesellschaft besonders gut verstehen kann. Sie kennen den Aufschrei, der jedesmal folgt, und fühlen sich hinterher erst recht bestätigt. Getroffene Hunde bellen! Und die Brandenburger jaulen sowieso.

Manch einer bewundert Schönbohm jetzt für seinen Mut. Offenbar sprach er ein Befremden aus, das den urban gelösten Geist angesichts des abweisend-kargen märkischen Temperaments öfter befällt. Auch andere Schönbohmianer erkannten die „Proletarisierung“ bereits als „unheimlich anmutende Grundströmung“, die Brandenburger Mentalitäten prägt. Unheimlich anmutende Grundströmung? Das klingt fast wie Marx im Kommunistischen Manifest: Ein Gespenst geht um in Brandenburg ...

Schönbohm hat sich entschuldigt, aber keiner sollte sich entschuldigen müssen für das, was er denkt, nicht mal in Wahlkampfzeiten. Und schließlich haben wir hier noch einmal die Haupt-Matrix des Nachdenkens West über den Osten seit fünfzehn Jahren: Die DDR war ein Verbrechen, ein Fall für die Justiz. Einen eigenen Problemgehalt sprach man ihr nicht zu. Im Kern geht es um verschiedene Geschichtsbilder, und mit Ausnahme der professionellen DDR-Hasser aus dem Osten sind diese in Ost und West bis heute sehr verschieden. Nur um eins geht es absolut nicht. Es geht nicht um die neunfache Kindsmörderin. Oder man müsste das Oderhochwasser auch zur Spätfolge der SED-Herrschaft erklären.

Die Kinder des Ostens wurden systematisch zum Hass erzogen, stellte Ines Geipel in der „Berliner Zeitung“ fest und findet, dass Schönbohm Recht hat. Bloß, warum merkt man uns das dann nicht an? Warum hatten wir nie die geringste Ähnlichkeit mit roten Al-Qaida-Kämpfern? Wir waren so erziehungsresistent, und die Oberresistenten waren die Arbeiter und Bauern. Sollen doch die anderen in diese Arbeiter- und Bauernpartei eintreten; sie gingen da nicht rein.

Es gibt eine bemerkenswerte Kontinuität im Osten: Man spricht nicht mit der Presse! Arbeiter und Bauern in der DDR ließen sich meist auf Journalisten gar nicht erst ein: Ihr schreibt ja sowieso nicht die Wahrheit! Geh wieder nach Hause, sagten sie mir, der Volontärin von der „Ostsee-Zeitung“. Die Kollektivierung der Landwirtschaft hat ein „selbstbewusstes Bauerntum“ im Osten verhindert? Den Fehler macht der Westen noch immer, sich die DDR-Arbeiter und -Bauern als geduckte Gleichheitswesen vorzustellen. Sie waren das Gegenteil. Innerhalb des Gefängnisses DDR waren die wirklich frei, und Bestverdiener waren sie sowieso.

Das Wort proletarisch hatte keinen abwertenden Klang, auch unter uns Nicht-Proletariern; im Westen ist es ein Schimpfwort. Es fiel schwer, sich daran zu gewöhnen, dass schon die eigenen Kinder „Guck mal, diese Prolls!“ sagen. Der Soziologe Wolfgang Engler hat die Ost-Gesellschaft „die arbeiterliche Gesellschaft“ genannt. Das deutet ebenfalls auf eine Vorherrschaft des proletarischen Moments, aber um eine Nuance anders, und in ihr liegt der Unterschied ums Ganze. Denn in diesem Kunstwort arbeiterlich klingt zwar das Raue, Derbe dieses Ostlandes mit, aber zugleich das enorme, oft schon lästige Selbstbewusstsein, das die Arbeiter und (verproletarisierten) Bauern in der DDR hatten. Schönbohm & Co wüssten das, hätten sie nur einen Monat in einer LPG gearbeitet.

Wäre die DDR ein, sagen wir, reiner Intellektuellen-Staat gewesen, wäre es für Brandenburg-Besucher heute viel schöner dort. Die vielen arbeitslosen Intellektuellen würden in kleinen malerischen Häusern in ihrer schönen Landschaft sitzen und Bücher lesen und Bilder malen. Das gestürzte Arbeiter- und Bauernkönigtum benimmt sich anders, und irgendwann nimmt man nur noch das Derbe, Rohe wahr.

Dass die Arbeiter und Bauern heute – oder richtiger: die Ex-Arbeiter und ExBauern – meist genauso auf Journalisten reagieren wie früher, sollte zu denken geben. Der Dokumentarfilmer Andreas Veiel hat es erfahren, als er nach Potzlow kam und mit den Leuten dort reden wollte. Eisiges Schweigen. Potzlow ist der Ort, wo Jugendliche den 16-jährigen Marinus zu Tode gefoltert haben. Veiel brauchte lange, bis die Leute ihm glaubten, dass er mehr wollte als die Bestätigung für ein Klischee. Es entstand das Theaterprojekt „Der Kick“, aus lauter Gesprächsprotokollen. Und am Ende war es immer noch unfassbar, nur nicht ganz so, wie wir gedacht hatten.

Tote Seelen? Mag schon sein. Man glaubt meist das Gegenteil, aber auch Seelen sind sterblich. Zumal in toten Dörfern mit lauter bald toten, weil schon recht alten Bewohnern. Die Zwangskollektivierung war ein großes Unglück, wahrscheinlich war sie ein Verbrechen. Und doch nähmen heute viele gern die LPG zurück. Nicht wegen der LPG, aber die Dörfer lebten, und man brauchte sogar noch Bauern. Menschen sind empfänglich für die Nachricht, gebraucht zu werden. Dass diese Gesellschaft mit so vielen Menschen so wenig anfangen kann, ist nicht ihre Schuld. Keiner hat Schuld, nicht mal die SPD und der Bundeskanzler.

Aber dieses Wissen ist schwer. Man fliegt raus und ist nicht mal gemeint. Man muss schon fast Philosoph sein, um solche Nachrichten auszuhalten. Vielleicht begreift es der Bauernverstand. Aber keine Bauernseele versteht, dass man keine Bauern mehr braucht. Menschen verwildern so leicht. Frei, das spüren sie, heißt heute vor allem freigesetzt. Die Kinder der falsch Frei-Gewordenen rächen auf ihre Art die Ohnmacht der Eltern. Junge Untote, so reden sie, so handeln sie. An allem ist die DDR schuld? Vielleicht ist es nur Gedankenlosigkeit. Aber es klingt wie Hohn.

Von Kerstin Decker erschien zuletzt „Letzte Ausfahrt Ost. Die DDR im Rückspiegel“, Militzke-Verlag, mit G. Decker

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