Kultur : Das Protokoll des Zeichners

Zwanzig Jahre nach „Maus“: der Holocaust in neuen Comics

Lars von Törne

Der Bleistift ist seine Rettung. Als die deutschen Besatzer ins Warschauer Ghetto kommen, um Yossels Familie nach Auschwitz zu bringen, verschonen sie den jüdischen Jungen. Denn er kann Porträts und Superhelden in Nazi-Uniformen zeichnen. Das beeindruckt die NS-Führer so sehr, dass sie den kleinen Künstler dabehalten. Also zeichnet er tagsüber um sein Leben, um nachts heimlich gegen die SS und ihre Schergen zu kämpfen. Bis am 19. April 1943 jener Aufstand beginnt, den er nicht überleben wird.

Vielleicht wäre das Leben des Comiczeichners Joe Kubert ähnlich verlaufen, wenn seine Eltern 1926 kurz nach seiner Geburt aus der polnischen Kleinstadt Yzeran nicht in die USA emigriert wären. „Ich hatte Glück“, schreibt Kubert im Vorwort zu seinem Buch „Yossel, 19. April 1943“. Während Teile seiner Familie in Konzentrationslagern und im Warschauer Ghetto starben, ging er auf eine amerikanische High School und zeichnete bereits als Zwölfjähriger regelmäßig für Comic-Hefte. Doch die „Was wäre wenn“-Frage ließ ihn nie los. Jetzt hat Kubert mit knapp 80 Jahren das Gedankenspiel zu Ende gespielt und ein erzählerisch und grafisch packendes Meisterwerk vorgelegt. „Yossel“ ist eine der beeindruckendsten künstlerischen Auseinandersetzungen eines Comic-Zeichners mit Nationalsozialismus und Holocaust seit Art Spiegelmans „Maus“, das vor 20 Jahren erschien und mit dem Pulitzer- Preis bedacht wurde. Spiegelman schilderte die Leidensgeschichte seiner jüdischen Familie in Polen, indem er die Welt in Katzen und Mäuse einteilte. Im Handstreich etablierte er den Comic als seriöses Geschichtsmedium.

Auch Kubert bedient sich eines Kunstgriffs. Er lässt sein Buch wie das fiktive Tagebuch eines zeichnerisch begabten Jungen aussehen. Der 16-jährige Yossel hält in Skizzen fest, wie seine Familie ins Ghetto gezwungen wird. Als seine Eltern nach Auschwitz deportiert werden und Nachrichten von der Vergasung der Juden die Runde machen, setzen Yossel und seine Freunde alles auf eine Karte und zetteln einen Aufstand an, den die Deutschen trotz militärischer Übermacht erst nach vier Wochen niederschlagen.

Kuberts suggestiv-autobiografischer Bilderreigen wirkt wie eine in größter Eile hingeworfene Kladde, Fragment geblieben und ist doch perfekt durchkomponiert. Der Zeichner beschränkt sich auf Wesentliches und manchmal sogar auf weniger als das. Das Unvorstellbare deutet er nur an. Szenen des Leids erinnern in ihrer pathetischen Dramatisierung an Käthe Kollwitz’ Kohlezeichnungen, der Handlungsverlauf macht sich die Erzählweise von Actionfilmen zu Eigen: Das Ergebnis ist eine ebenso ergreifende wie erschütternde Heldengeschichte.

Die Judenvernichtung als populäre Bildergeschichte – lange gab es da Berührungsängste. Doch jetzt, da mit „Yossel“, Will Eisners „Komplott“, Pascal Grocis „Auschwitz“ und Ozamu Tezukas Krimi- Manga „Adolf – Mord in Berlin“ eine ganze Reihe von NS-Comics auf den deutschen Markt drängt, geht der Horror von Selektion, Gaskammer- und Hungertod auch ins Bildergedächtnis der Comicwelt ein. Dabei ist die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in diesem Genre nicht neu. Seitdem sich in den Superhelden-Geschichten der Vierzigerjahre Captain America, Superman & Co. mit den Nazis prügelten, dient das NS-Regime als Folie für patriotische oder gar kriegsverherrlichende Action-Sagen. Der Nazi als Inbegriff des Bösen, an dessen Niederträchtigkeit es keinen Zweifel gab.

Das ist nun anders: Eine Generation von Zeichnern meldet sich mit ihren persönlichen Erinnerungen zu Wort, kurz bevor sie abtritt. Obwohl sich dergleichen Bilderwerke nicht mit der Literatur messen können, komprimiert die sequenzielle Kunst, wie sie Eisner nannte, Ereignisse, Worte und Gefühle zu einer Serie gefrorener Momente – genau so, wie Albträume es tun. Wenn die Comics auch aufklären wollen, so doch nicht in dem ursprünglichen Sinne, dass der Verstand mit der Mechanik der Judenvernichtung vertraut gemacht werden soll. Vielmehr geht es darum, die Gewalt des Völkermords an prägnante Einzelschicksale zu binden.

Eine Art Bändigung der Dämonen strebt Will Eisner mit seiner „wahren Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion“ an. Sie gehorcht noch am ehesten dem Aufklärungsideal, indem sie eine der zählebigsten Legenden der antisemitischen Propaganda zu entzaubern versucht. Eisner, der mit Titeln wie „The Spirit“ Comic-Geschichte schrieb und zu Beginn dieses Jahres 87-jährig starb, hat das ebenfalls stark dokumentarische Buch über die Hetzschrift, nach der die Juden die Weltherrschaft anstreben, kurz vor seinem Tod beendet. Statt Einzelschicksale zu verfolgen, geht Eisner von der mehr als hundertjährigen Wirkungsgeschichte der „Protokolle“ aus und illustriert einzelne Epochen mit historisch belegten, leicht fiktionalisierten Situationen. Da Eisner zahlreiche Originaltexte verwendet und sich gewissenhaft um historische Korrektheit bemüht, liest sich „Das Komplott“ streckenweise wie ein Schulbuch.

Der plakativste Beitrag zur aktuellen Doku-Renaissance ist Crocis „Auschwitz“-Comic, das auf Interviews mit Überlebenden beruht. Beklemmend detailliert beschreibt der französische Zeichner, was Menschen im Schlamm der Massengräber und im grauen Dunst der Verbrennungsöfen einander antun. Selbst vor den Gaskammern macht Croci nicht Halt. Leider will er den Gestus des Schmerzes dadurch steigern, dass er die Erinnerung an das kalte Morden im Holocaust mit dem jugoslawischen Bürgerkrieg verknüpft. Eine fragwürdige Parallele, umso mehr, da er sie in seiner Erzählung nicht belegt. Auch sein drastischer, voyeuristischer Stil, der die Gewalt zugleich verurteilt und grafisch zelebriert, hinterlässt zwiespältige Gefühle.

In Crocis Welt haben die Opfer große, kugelrunde Augen, was sich wie eine Hommage an den populären japanischen Manga-Stil liest, der den „Bambi“-Blick mit einer brutal-blutigen Gewaltdynamik verschränkt. In dieser Tradition steht auch der jetzt auf Deutsch wiederveröffentlichte Comic-Klassiker „Adolf ni tsugu“ aus den Achtzigerjahren („Adolf, Mord in Berlin“), dessen erster von fünf Bänden vorliegt. Darin erzählt der in Japan überaus beliebte, 1989 verstorbene Zeichner und Trickfilm-Schöpfer Osamu Tezuka („Astro Boy“, „Kimba, der weiße Löwe“) die verschachtelte Kriminalgeschichte dreier Hauptfiguren mit dem Namen Adolf. Tezukas Reihe illustriert die moralische Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Belehrung. Auch Art Spiegelman sah sich anfangs dem Vorwurf ausgesetzt, er verniedliche die entsetzlichen Erlebnisse seiner Familie im Nationalsozialismus. Inzwischen gilt sein Buch als Standardwerk.

Joe Kubert: „Yossel, 19. April 1943“. Ehapa-Verlag, Stuttgart. 128 S., 22 €.

Will Eisner: „Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion“, mit einer Einführung von Umberto Eco. DVA, München. 150 S., 19,90 €.

Pascal Croci: „Auschwitz“. Ehapa-Verlag, Stuttgart. 88 S., 16 €.

Osamu Tezuka: „Adolf. Mord in Berlin“. Carlsen Verlag, Hamburg. 260 S., 12 €.

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