Kultur : Das Rascheln der Saurier

Peter Zadek gräbt in Wien Tennessee Williams’ „Nacht des Leguan“ aus

Rüdiger Schaper

Götterdämmerung im mexikanischen Regenwald. Als Tennessee Williams 1961 seinen armen „Leguan“ verfolgte, war er nicht einmal fünfzig Jahre alt – und hatte seine Welterfolge bereits hinter sich. All die sprichwörtlich gewordenen Meisterwerke („Die Glasmenagerie“, „Endstation Sehnsucht“, „Die Katze auf dem heißen Blechdach“) datieren aus den Vierzigern und Fünfzigern und wurden in Hollywood verfilmt. Dann übernahmen die jungen britischen Theaterrebellen die internationale Bühne, verdrängten mit ihren aggressiven sozialpolitischen Parabeln Tennessee Williams’ poetische Säufer, Gottsucher und verkrüppelte Aristokraten. Im selben Jahr, als „Die Nacht des Leguan“ zur Uraufführung kam, erschoss sich Ernest Hemingway mit seinem Jagdgewehr. Ende eines Zeitalters – des vorerst letzten, das mit Helden und Männlichkeitswahn rang.

Luftwurzeln

Zu jener Zeit begann Peter Zadek in Bremen damit, das bundesdeutsche Theater aufzurollen. Er war der erste radikal-moderne Regisseur, noch weit bis in die siebziger Jahre. Heute gilt Zadek, der inzwischen 76-jährige, als einsamer Meister des psychologischen Kammerspiels. Wien ist seine künstlerische Heimat, nach Berlin zieht es ihn nur gelegentlich – und man weiß bei Zadeks Inszenierungen nie, ob man noch die Zukunft des Theaters sieht oder seine unwiederbringliche Vergangenheit.

Götterdämmerung auch in Wien, am Akademietheater? Eines ist klar: Auf der ganzen Welt gibt es keinen zweiten Ort, an dem sich eine solche Unternehmung wie die der Zadek’schen „Leguan“-Nacht realisieren ließe. So viel Geld hat nur das Burgtheater. Ein halbes Dutzend Star-Gäste tummelt sich in einem unglaublich aufwändigen Bühnenbild von Wilfried Minks, in dem noch jeder Baum, jede Luftwurzel, jedes verwitterte Brett des „Leguan“-Hotels höchsten musealen Ansprüchen genügt. Und was für ein Stab! Zwei Choreographen (wird hier überhaupt getanzt?), einen Lichtdesigner und eine Regiemitarbeiterin (Bärbel Jaksch) nennt das dicke Programmbuch, darin ist die mitunter recht holprige Neuübersetzung von Elisabeth Plessen abgedruckt.

Nein, die Expedition in Zadeks Menschentierreich ist diesmal nicht vergnüglich. Was hat er nur gewollt mit dem Stück, das man sich vielleicht doch lieber in der Kino-Fassung von John Huston mit Richard Burton, Deborah Kerr und Ava Gardner anschauen möchte? Eine frische Umdeutung – wie Frank Castorfs „Endstation Amerika“ – versucht Zadek nicht. Als sei die Zeit stehen geblieben, beobachtet er die Gestrandeten in dem mexikanischen Aussteigerparadies anno 1940. Die Gringos haben hier das Kommando, doch sind auch ein paar Deutsche da. Mit blonden BDM-Perücken, tätowierten Hakenkreuzen auf der nassen Haut, mit einem Kofferradio bewaffnet, aus dem der „Führer“ aus dem fernen Berlin herüberplärrt, so hampelt Hitlers touristische Vorhut über die Bühne, vorneweg ein alberner Klaus Pohl – ein sonst so wunderbarer Schauspieler aus der Zadek-Family, die hier ein ziemlich verunglücktes Wiedersehen feiert.

Rosel Zech: Wie lang hat man sie nicht in einer großen Produktion gesehen! Sie markiert, verstockt und lautstark, eine sittenstrenge Gouvernante. Oder Hermann Lause: Er bleibt als uralter, blinder Dichter mit Meckerstimme sehr unauffällig im Hintergrund. Zadek hat sich offenbar zu keiner Entscheidung durchgerungen, wer denn nun die Hauptrolle spielt. In jedem Akt ein anderer, so schaut’s aus. Erst Eva Mattes, die verwitwete Hotelwirtin Maxine , die ihr Dekolleté und ihre patente gute Laune zu Markte trägt. Dann Ulrich Tukur, der gescheiterte Gottesmann und Reiseführer Shannon, der minderjährigen Touristinnen das echte Leben und die große Liebe zeigt. Schließlich Angela Winklers Hannah, die das barmherzige Licht der fleischlosen Liebe und der alkoholfreien Seligkeit in der Absteige entzündet, wo sich auch ein Malcolm Lowry tödlich wohlgefühlt hätte. Drei Solisten – kein Zusammenspiel. Drei einsame, gescheiterte Existenzen – aber kein Drama.

Das Zadek’sche Staraufgebot wurstelt sich durch einen langen Abend, schliddert an der Klamotte entlang. Wenn der tropische Gewittersturm losbricht, wackeln die Palmen und klappert besinnlich das Blechdach. Und wie die jungen Mexikaner – drei barfüßige, glutäugige Latin Lovers – immerzu auf Kommando ihrer prallen Hotelchefin hüpfen und springen! Man könnte das Heulen kriegen. Ulrich Tukur kämpft um jede Fluppe wie um den letzten Atemzug, reißt immerzu die Pulle hoch und nuschelt und hyperventiliert sich wahnsinnig schwitzend durch seine Tiraden von Selbsthass und Weltschmerz, dass es für drei Action-Filme reicht. Schön, wie Eva Mattes den Mann leerlaufen lässt. Leider weiß man schon früh, dass sie die Gewinnerin sein wird.

Mohnsamentee

Aber dann nimmt Angela Winkler sich des Chaos’ an. Was für ein zarter Auftritt: Sie hat ihre Brosche vergessen, ein wichtiges Requisit, sie murmelt „Wir müssen noch mal anfangen“ und geht wieder aufs Zimmer. Vorhang! Kleine Pannen beleben jede Premiere. Nachher ist sie hellwach, und endlich, endlich kommt einmal eine Ruhe hinein. Hannah will Shannon retten, sie liebt ihn, auf ihre Art. Es mag komisch wirken und ein bisschen arg esoterisch, wie sie ihren Mohnsamentee brüht und sich zur jungfräulichen Hohepriesterin des Verzichts stilisiert, im blauen Kimono. Doch mit Angela Winkler hört pötzlich das Geplapper auf, hört man einem Menschen zu, begreift vielleicht ein Leben „jenseits der Verzweiflung“, wie Tennessee Williams es sich vorgestellt hat in der schicksalsschweren „Nacht des Leguan“.

Die Mexikaner fangen die arme Echse, um sie aufzuessen. Am Ende wird der Leguan befreit. Freilich, das Symboltier bleibt unsichtbar, es raschelt nur lieb unter dem Bühnenpodest. Alles Theater. Saurier-Theater!

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