Kultur : Das Recht auf Glück, das Recht auf Waffen

Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen über den Amoklauf in Blacksburg und die amerikanische Kultur der Gewalt

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Frau Bronfen, 33 Tote in Blacksburg, der Amish-Amokläufer in Pennsylvania im Oktober 2006, Littleton 1999: In Amerika gibt es auffallend oft Amokläufe. Woran liegt das in Ihren Augen?

Vorausgesetzt, dass dieser Eindruck nicht täuscht, kann man dafür zwei Ursachen anführen: den amerikanischen Individualismus und das Verhältnis der USGesellschaft zur Gewalt. Schon im religiösen Auftrag der eingewanderten Puritaner steckte ein Kern von Gewalt, der sich im 19. Jahrhundert nach und nach säkularisiert hat. Die amerikanische Verfassung gesteht jedem Bürger das Streben nach Glück und Freiheit sowie ein hohes Maß an Selbstbestimmung zu. Diese Selbstbestimmung ist ein weit gefasster Begriff. Er bedeutet: Ich sage selbst, wie ich leben und Geld verdienen will, das ist die positive Seite. Die negative Seite, die die amerikanische Kultur und Literatur immer wieder interessiert, ist die Geschwindigkeit, mit der diese Selbstbestimmung in Gewalttätigkeit umschlagen kann.

Das Gewaltmonopol liegt weniger deutlich beim Staat als hier in Europa?

Die Gewalt ist in Amerika Teil der Vorstellung des Individuums. Auch Kreativität und Gewalt hängen dort eng zusammen: Man setzt sich und seine Ideen gegen etwas durch. Die amerikanische Nation basiert darauf, dass Menschen einst an der Küste gelandet sind und sich gegen die Indianer und andere Einwanderer behaupten mussten, notfalls mit Gewalt. Das definiert im Grunde bis heute die amerikanische Politik.

Der Amokläufer war ein südkoreanischer Student, er hatte angeblich Streit mit seiner Freundin und schoss mit zwei Handfeuerwaffen.

Noch die persönlichsten Handlungen sind von ihrem kulturellen Kontext geprägt, von den Kinobildern bis zu dem, was Politiker sagen. Auch wenn der Täter ein Asian-American war, lebte er ja innerhalb einer Gesellschaft, bei der das Selbstbestimmungsrecht des Individuums oft mit dem Recht einhergeht, eine Waffe zu tragen und auch zu benutzen.

Die Todesstrafe, die amerikanische Außenpolitik, Amokläufer an Schulen: Ist es nicht zu simpel, wenn man sagt, Amerika basiere nunmal auf Gewalt?

Nein, ist es nicht. Aber ich beharre darauf, dass diese Gewalt auch etwas sehr Kreatives sein kann. Der Jazz, die moderne Kunst, der Fortschritt der Wissenschaft – all das ist ohne Gewalt im positiven Sinne nicht denkbar, ohne das Recht, sich selbst zu definieren. Man macht, was man will: Im besten Fall bringt das großartige Rechtsanwälte, Künstler oder Forscher hervor, im schlechtesten Fall Amokläufer. Die amerikanische Kultur ist keineswegs gesetzlos, aber sie denkt permanent darüber nach, wie viel Gesetz denn unbedingt sein muss. Viele Amerikaner denken: Je weniger Regeln, desto besser. Ich glaube nicht, dass sie mehr als andere Menschen gerne Leid zufügen, sie sind ja gleichzeitig in besonderem Maß zu Mitleid, Hilfsbereitschaft und Bürgerengagement fähig. Der Amoklauf ist als Geste der radikalste Ausdruck von Auflehnung gegen das Gesetz.

Gerade wurde bekannt, dass Cormac McCarthy den Pulitzer-Preis erhält: Fast alle seine Romane handeln von Gewalt.

Es geht immer um den Cowboy, den Westerner, die Haltung der Clint-EastwoodFiguren: Du bist selbst das Gesetz und wehrst dich gegen die Indianer innerhalb des eigenen Lebensbereichs. Dieser Lebensbereich ist deine Prärie, dein Dschungel, deine Kriegsfront. Man denke nur an den Mann, der Gianni Versace ermordet hat. Gewalt ist ja auch eine Form der Kommunikation: Da findet einer keine Worte mehr und greift zur Waffe, um seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Wieso passiert das meistens in Schulen oder Universitäten und nicht an anderen Arbeitsplätzen oder in der Shopping Mall?

Schwer zu sagen. Grundsätzlich gilt, für private wie für terroristische Gewalt: Ausgeübt wird sie eher von jungen Menschen, die vielleicht nicht mehr in der Pubertät stecken, aber im Erwachsenenleben noch nicht richtig angekommen sind. Da sind vor allem junge Männer sehr gefährdet. Außerdem sind Schüler von Highschools und College-Studenten viel mehr eingebunden als etwa junge Leute an deutschen Ausbildungsstätten. Die Schule ist eine Lebensgemeinschaft, auf dem Campus lebt man neun Monate im Jahr. Die Gewalt von Amokläufern ist selten willkürlich, sie richtet sich oft gegen die eigene Welt. Es gab in der Schweizer Stadt Zug den Amokläufer im Gericht, der wollte ganz gezielt die Obrigkeit treffen.

Die einflussreiche National Rifle Association hat gesagt, wenn die Studenten bewaffnet gewesen wären, hätten sie den Mörder stoppen können.

Das Gegenteil wäre richtig. Es ist in Amerika viel zu leicht, an Waffen heranzukommen. Es gäbe dort kaum so viele Amokläufe, wenn man nicht im ersten Affekt, in der ersten Wut, zur Waffe greifen könnte, sondern sich erst mal die Mühe machen müsste, sich eine zu beschaffen.

Unterscheiden sich Amokläufe in Deutschland – wie vor fünf Jahren am Erfurter Gymnasium oder kürzlich in Berlin, als ein Amokläufer am Hauptbahnhof zahlreiche Menschen mit einem Messer verletzte – denn von solchen in Amerika?

Sie unterscheiden sich im Ausmaß, nicht in den grundlegenden Motiven. Europäer haben ein anderes Verständnis von Selbstbestimmung, die Todesstrafe ist hier abgeschafft, wir leben dichter aufeinander und sind auf eine gewisse Art domestizierter, gezüchtigter. Der Amerikaner fährt mit seinem Auto frei herum und stellt es irgendwo ab; der Europäer ist gleich mit einem uniformierten Menschen konfrontiert, der ihm einen Strafzettel in die Hand drückt. Foucault spricht vom disziplinierten Körper. Vielleicht sind die Gewalttaten in Europa, in denen persönliches Unglück zum Ausdruck gebracht wird, deshalb zumindest seltener.

– Das Gespräch führte Christiane Peitz.

Elisabeth Bronfen , 49, lehrt amerikanische Kulturwissenschaft an der Uni Zürich und ist Gastdozentin an der New York University. Zuletzt erschienen: „Liebestod und Femme fatal“ (Suhrkamp).

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