Kultur : Das Recht der ersten Nacht

Die Sing-Akademie zu Berlin gewinnt den Vivaldi-Prozess – und hat trotzdem große Probleme

Frederik Hanssen

Es ist genau wie in Mozarts „Figaro“. Wer darf die Braut über seine Schwelle tragen – der Ehemann oder doch der Graf, der sich auf uralte Adelsprivilegien berufen kann, nach denen ihm jede frisch Vermählte in seinem Herrschaftsbereich persönlich als Erster zusteht? Vor dem Landgericht Düsseldorf hat gestern der Graf gewonnen: in Gestalt der Sing- Akademie zu Berlin.

Berlins traditionsreichstem Chor war das Glück widerfahren, dass nicht nur sein nach dem Zweiten Weltkrieg vermisstes Archiv in Kiew wieder auftauchte. Die Ukraine war sogar bereit, dem privaten Verein 2001 sein Eigentum zurückzugeben. Der Schatz wurde in der Berliner Staatsbibliothek deponiert – und dort fand der Musikwissenschaftler Stefan Voss durch Zufall eine unbekannte Vivaldi-Oper, rekonstruierte das Partitur- Fragment des „Motezuma“ und reichte das Mexiko-Drama an den Dirigenten Federico Maria Sardelli weiter, der fehlende Musikstücke hinzukomponierte. Nach einer von der Sing-Akademie gestatteten konzertanten Aufführung im Juni in Rotterdam wollte Sardelli seine Eroberung an diesem Samstag im Toscana-Städtchen szenisch herausbringen – das jedoch wurde ihm unter Androhung einer Strafe von bis zu 250000 Euro am Montag per einstweiliger Verfügung untersagt. Sardelli mag zusammen mit Voss zwar das Aufführungsmaterial erstellt und damit aus den toten Archivnoten erst einen lebensfähigen Klangkörper geformt haben. Die Urheberrechte für das Werk liegen trotzdem beim Berliner Chor. Und zwar, laut Artikel 71 des Urheberrechtsgesetzes, für die kommenden 25 Jahre.

Der Chor kann das gute Stück nun selber heim- und aufführen oder die Rechte einem Brautwerber abtreten. In diesem Fall, so munkelt man, will die New Yorker Metropolitan Opera Vivaldis „Motezuma“ mit Sängerstar Cecilia Bartoli herausbringen – aber nur, wenn sie ihre Produktion samt geplanter CD-Einspielung als „erste szenische Aufführung in moderner Zeit“ vermarkten kann. Wenn es um ganz neue oder ganz alte Musik geht – „Motezuma“ entstand 1733 – machen die Klassikveranstalter keinen Unterschied mehr: Interessant ist nur die Premierennacht, die Uraufführung einer neuen oder die Wiederentdeckung einer seit Jahrhunderten vergessenen Partitur.

Das Publikum, so die Kalkulation, will es so. Lebende Komponisten können ein Lied davon singen, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der ihre Stücke ein zweites oder drittes Mal öffentlich vorstellt. Sardellis „Motezuma“- Aufführungen bei einem winzigen italienischen Festival sowie beim lediglich regional beachteten Düsseldorfer Altstadtherbst hätten neben der prachtvollen Inszenierung eines internationalen Opernhauses gewirkt wie Zwieback neben einer Buttercremetorte. Trotzdem setzte die Sing-Akademie alle Hebel in Bewegung, um das Vivaldi-Opus ihrem potenten Tantiemenzahler unbefleckt übergeben zu können.

Mag der Chor in Düsseldorf einen Sieg davongetragen haben – in Berlin harren derweil gravierende, hausgemachte Probleme ihrer Lösung. Die einst so renommierte Laienvereinigung ist auf eine Restmannschaft von rund 40 aktiven Mitgliedern zusammengeschrumpft. Dass Dirigent Joshard Daus, 2002 als Retter gefeiert, der Sing-Akademie inzwischen den Rücken gekehrt hat, bestreitet Georg Graf Castell, der Vereinsvorsitzende. Daus probe weiter mit den Sängern. Auftritte seien in Planung.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Maxim-Gorki-Theater: Einst als Haus der Sing-Akademie erbaut, dient das klassizistische Kleinod seit 1946 als Schauspielbühne. Im Januar allerdings bekam der Chor sein Stammhaus zugesprochen, weil weder eine Enteignung durch die Sowjets noch durch die DDR erfolgte. Was die Sing-Akademie mit dem Gebäude anfangen will, weiß sie selber noch nicht. Es gehe allerdings nicht darum, das Gorki-Theater zu vertreiben, erklärt Graf Castell.

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