Kultur : Das Recht des Kindes

Zum 80. Geburtstag der Psychoanalytikerin und Bestsellerautorin Alice Miller

Christian Kässer

Der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, bekannte einmal in einem Brief an Albert Einstein, „es habe keine Aussicht, die aggressiven Neigungen der Menschen abschaffen zu wollen." Aber so ganz hat sich Alice Miller seiner Ansicht nicht anschließen können: Sie hat ihr Leben dem Kampf gegen Kindesmisshandlungen vermittels psychoanalytischer Methoden gewidmet. Wenn Eltern ihre Kinder schlagen oder sonst wie physische oder psychische Gewalt antun, dann, so Millers zentrale These, kompensieren sie dadurch ihrerseits nur einen Mangel an Zuwendung in der eigenen Kindheit. So galt ihre therapeutische Tätigkeit nicht nur dem jeweiligen Patienten, sondern sie setzte sich auch dafür ein, Kinder zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Nachdem die Schweizerin 1953 in Basel in Philosophie promoviert und anschließend zur Psychoanalytikerin ausgebildet worden war, praktizierte sie 20 Jahre lang in Zürich, bis sie sich nach dem Erfolg von „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ im Jahre 1979 ganz der systematischen Erforschung von Kindesmissbrauch verschrieb.

Zahlreich sind die daraus resultierenden nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch literarischen Publikationen, wie etwa die 1998 erschienenen „Wege des Lebens“. Ihre allgemein verständlichen Bücher erreichen ein immenses Publikum. Allein in Deutschland wurden 580000 Exemplare vom „Drama des begabten Kindes“ verkauft, und dem Suhrkamp Verlag verschaffte Miller nicht nur sprudelnde Einnahmen, sondern auch waschkörbeweise Leserbriefe.

Trotz dieses Erfolges jedoch ist sie immer wieder heftig kritisiert worden. Monokausal scheint sie mit ihrem Ansatz nahezu alle Übel dieser Welt erklären zu wollen. Nicht nur private psychische Defekte, beispielsweise Depressionen, hätten ihre Ursache in einer Kindheit, in der die Eltern das Kind nicht akzeptiert, sondern als Projektionsfläche ihrer eigenen, nicht zu ihrem Recht gekommenen Sehnsüchte benutzt haben. Sondern selbst der Holocaust habe seine Ursache darin, dass Adolf Hitler als Kind geschlagen worden sei und später als Erwachsener nach Möglichkeiten gesucht habe, solche frühkindlichen Beschädigungen zu kompensieren.

Wenn Alice Miller freilich am heutigen Sonntag ihren 80. Geburtstag begeht, dann müssen auch die Kritiker ihren Respekt bekunden vor einer engagierten Psychologin, die ihre Wissenschaft und ihr Leben in den Dienst der Rechte der Kinder stellte, den Schwächsten in unserer Gesellschaft.

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