Kultur : Das Reich in Mitte

Von Nachrichtensoldaten und getuschten Momenten: Kunst aus Asien erobert Berliner Galerien

Thea Herold

Fast auf den Tag ist dieses Geräusch drei Jahre her. Jener spitze Aufschrei der Kunstszene in Venedig zur Biennale – als Harald Szeemann zeigte, wie in Asien zeitgenössische Kunst gemacht wird. Immer selbstverständlicher finden sich seitdem auch in den Galerien die Spuren asiatischer Künstler. Der Transfer hat begonnen, die exotischen Stützräder oder das Etikett „Asienkunst“ hat niemand mehr nötig. Wenn es vor drei Jahren in Berlin-Mitte dafür nur zwei Adressen gab, können in diesem Sommer schon Rundgänge unternommen werden.

In der Linienstraße lässt sich damit gut beginnen. Hier wehen große Fahnen zum Thema „China.Change“ . Diese aktuelle Offerte beim Forum für Fotografie C/O (bis 19. September, Linienstraße 144) weist mit den Titeln „China.Past“ und „China.Present“ fast schon didaktisch auf die zwei unterschiedlichen Blickrichtungen hin, denen die Ausstellungen nachgehen. Die Retrospektive von Li Zhensheng gibt Einblick in das Lebenswerk des „Roten Nachrichtensoldaten“: Fotos wie Stills eines wortlosen Films in Eisensteinscher Tradition. Eine entlarvende Rückblende in gnadenlosem Schwarzweiß. Genosse Mao Zedong allgegenwärtig und unerreichbar wie Gott. Bilder von Massenversammlungen und Anklage-Prozessionen. Kollektive Hysterie auf der einen Seite, unvergessliche Demütigung des Individuums auf der anderen.

Während Li Zhensheng in den Sechzigerjahren in China als Fotojournalist gearbeitet hat und die Ereignisse der Kulturrevolution dokumentierte, versteckte er die kritischen, unerwünschten Motive. Seine Negative überlebten Maos Feldzug. Nun führen sie ihren eigenen Kampf gegen das schnelle Vergessen. Außerhalb des Landes. Denn bis heute wäre in China diese Ausstellung undenkbar. Obwohl die nächste Generation Chinas längst nach vorne sieht. In Studioraum von C/O belegen das die „Portraits of a Metropoli“ von Zhou Ming . In seinen Stadtbildern treffen Alt und Neu, Verfall und Neubau krachend aufeinander. Die Öffnung des Reiches der Mitte wird nicht mehr mit Parteibroschüren, sondern neuen Skylines mittels moderner Bauten proklamiert.

Unterschwellig wirken die Spuren der chinesischen Geschichte auch bei jenen Künstlern nach, die zur Zeit der Kulturrevolution erst aufwuchsen. So wie der Chinese Fang Lijun. Er bestückt die erste Ausstellung von Alexander Ochs Galleries an neuer Adresse (bis 3. Juli, Sophienstraße 16). Große Farbtafeln hängen hier in Reihe. Lichtbunte Blumen, gellend lachende Köpfe, surreale Heiterkeit vor Felslandschaft oder inmitten von Wolken (13500–31000 Euro). Dagegen wirken seine Holzschnitte, Menschengesichter in allen nur denkbaren Atemstufen, dicht, düster und wahr (1000–2500 Euro). Selbst die Sammlung des MoMA wollte darauf nicht verzichten und kaufte bereits einen großen Farbholzschnitt an.

Man sollte die neuen Galerieräume nicht verlassen, ohne einen Blick ins Kabinett geworfen zu haben, wo Blätter von Xu Bing an die Anfangsjahre der Galerie erinnern, als der Künstler buchstäblich den Galerieboden erkundete. Die „lost letters“ sind ebenso wie die Konvolute seines berühmten „book from the sky“ nicht nur älter und rarer geworden, sondern auch kostbarer: Die Preise liegen zwischen 12000 und 50000 Euro.

Verglichen damit wirkt die Ausstellung bei Murata & friends (bis 17. Juli, Rosenthaler Straße 39) hinreißend leicht. Die im Hof vom Haus Schwarzenberg situierte Galerie lädt seit mehr als fünf Jahren junge Künstler aus Japan nach Berlin ein. Diesmal drei sehr unterschiedliche Positionen: Masahiro Suda deutet sich die Arbeit des Tages in monochromen Farbflächen. Auf den Seiten- und Unterflächen der pastellfarbenen Objekte von Junya Sato befinden sich Figuren – kleine Zeichnungen, getuschte Momente. Das dritte Zimmer bei Murata geht auf den Hackeschen Hof. Draußen sind Touristenstimmen zu hören; drinnen das „Moku (Schweigen)“ von Izumi Kato (200 bis 1100 Euro).

Und wo sind die Frauen? Die Künstlerin Ping Qiu, geboren 1961 in Wuhan, hat längst ihre Heimat in Berlin gefunden. Unvergessen sind ihre Lotushände im Teich vor der „Schwangeren Auster“. Am Schluss der kleinen asiatischen Runde ziehen bei DNA (bis Ende Juli, Auguststraße 20) vor allem ihre Ur-Formen und Urtiere die Blicke auf sich (1000 bis 6500 Euro). Kraftvoll archaische Rundkörper aus der Dreifuß-Zeit.Formen wie zu Zeiten, als sich Himmel und Erde trennten und das Klatschen noch nicht erfunden war. Das kam erst mit der Zweifuß- und Zweihandperiode. Handhaben wir es als Zeichen der Freude und nennen es: Beifall.

Sonntag, 13. Juni, 15 Uhr, Künstlergespräch mit Li Zhensheng und Robert Pledge bei C/O.

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