Kultur : Das Rennen um den Heiligen Georg

ULRICH HEYDEN

Immer, wenn einer der alten sowjetischen oder neuen russischen Filmstars die blaue Treppe zur Eröffnung des Filmfestivals hinaufstieg, übertönten spitze Schreie und Beifall die Militärkapelle. Besonders stark war der Applaus jedoch, wenn ausländische Gäste wie Vanessa Redgrave, Franko Nero oder Pierre Richard an den Schaulustigen vorbeizogen. Mit Photoapparaten und Videokameras bewaffnet drängten sich die Moskauer an den Absperrgittern. So viele bekannte Gesichter "für umsonst" sieht man in Moskau nur alle zwei Jahre, eben auf dem Internationalen Filmfestival, welches seit 1935 stattfindet.Bei der Eröffnung, dem Moskauer Sommerereignis, zeigten sich alle Wichtigkeiten der Stadt. Ein scherzender Premierminister Stepaschin, ein stolzer Bürgermeister Luschkow, ein unsicher wirkender KP-Chef sowie der Sex-Sittenwächter der Duma, Stanislaw Goworuchin. "Normales Publikum" war kaum vertreten, dafür aber zahlreiche "neue Russen" mit ihren langbeinigen, wahnsinnig jungen Frauen. Am Ende der Treppe vor dem "Puschkinskaja", einem der wenigen Moskauer Kinos, welches sich von der Ausstattung her mit den Filmpalästen im Westen messen kann, stand Nikita Michalkow, Rußlands erfolgreichster Regisseur, eingehüllt in den obligatorischen Seidenschal. Mit ausgebreiteten Armen empfing er die internationalen Stars, welche dem Festival Flair verleihen sollten.Zwei oder drei Berühmtheiten hat man bisher auf jedes Festival gelockt. 1995 wurde die Jury von Richard Gere geleitet, der sich aber statt im Kino häufiger auf Michalkows Datscha zum Angeln aufhielt. Vor zwei Jahren waren Robert De Niro, Sophia Loren und Jacqueline Bisset dabei. Die letzten beiden Moskauer Filmfestivals haben trotzdem nicht den besten Eindruck hinterlassen. Einzelne Leiter zogen es vor, mit den internationalen Stars Wodka zu trinken, die Organisation ließ zu wünschen übrig, auch das künstlerische Niveau der Festivals wurde bemängelt. Die Weiterführung des Moskauer Kinoereignisses stand unter einem Fragezeichen. Die Finanzierung war ungeklärt.Bei Eintrittspreisen von umgerechnet 12 Mark ist ein Besuch in einem der Festivalkinos für die meisten Moskauer sowieso ein teures Vergnügen. Man wartet lieber darauf, daß die neuen Filme als Videos auf dem international einzigartigen russischen Schwarzmarkt zu kaufen sind, oder daß sie irgendwann im Fernsehen gezeigt werden. Buchstäblich wenige Tage vor Festivalbeginn trudelten die staatlichen Gelder ein. Der Großteil kommt aus dem föderalen und dem Moskauer Budget, aber auch Firmen wie Nestle und die im Öl- und Gasgeschäft tätigen russischen Unternehmen Lukoil, Gasprom, Jukos und Transneft haben zur Ausrichtung des Festival beigetragen. Mit einem Budget von sechs Millionen Dollar liege man auf "mittlerem europäischen Niveau", meinte PR-Direktor Alexander Olenikow.Für dieses Jahr hatten sich die Organisatoren etwas Besonderes vorgenommen. Gezeigt werden sollten ausschließlich Filme, die noch nicht auf internationalen Festivals in Europa zu sehen waren. Eröffnet wurde dann allerdings mit Marco Bellocchios Kostümfilm "Die Amme", der schon in Cannes im Wettbewerb zu sehen war. Insgesamt laufen in zehn Tagen mehr als 200 Filme, darunter etwa 100 russische . Im Panorama-Programm hat man drei regionale Schwerpunkte gesetzt: Filme aus Lateinamerika, Asien und dem Balkan. Am Wettbewerb nehmen 16 Filme teil, darunter zwei russische: "Strastnoi Bulvar" von Wladimir Chotinenko, ein philosophisches Märchen über einen Mann, der sein Leben an sich vorüberziehen läßt, und "Fara", ein dramatisches Abenteuer von dem Kasachen Abai Karpykow. Als Krönung zum Abschluß gibt es die eurasische Premiere von George Lucas "Star Wars: Episode I - The Phantom Menace". Eine siebenköpfige Jury unter Leitung des argentinischen Regisseurs Fernando Solanos entscheidet über die Prämierung - der beste Film wird zum Schluß mit dem Heiligen St. Georg ausgezeichnet. Doch die erste Preisverleihung gab es bereits am Eröffnungsabend. Marco Bellocchio wurde für seinen "Beitrag an der Kinematographie" geehrt. Auch Vanessa Redgrave wollte nicht das Ende des Festivals abwarten. Sie verließ Moskau, wie geplant, einen Tag nach ihrer Ankunft.

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