Kultur : Das Rennen um die Pultposition

FREDERIK HANSSEN

Haben Sie im September 2002 schon etwas vor? Nein? Da geht es Ihnen nicht anders als vielen Spitzendirigenten zwischen Los Angeles und Mailand.Obwohl es sich die Pultstars des internationalen Klassikbusiness angewöhnt haben, ihre Terminkalender grundsätzlich mehrere Jahre im Voraus "dicht" zu machen - den September 2002 hält sich so mancher frei: Dann nämlich steht der erste offizielle Auftritt des neuen Chefdirigenten beim Berliner Philharmonischen Orchester an.Ein Traumjob wird frei, der zwar nicht mehr auf Lebenszeit vergeben wird, wie einst an Hans von Bülow, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan, der aber zweifellos zu den begehrtesten Orchesterleiter-Stellen der Welt gehört.Wenn es nicht die begehrteste Pultposition überhaupt ist.

Kaum, daß der jetzige Amtsinhaber Claudio Abbado Mitte Februar 1998 zur allgemeinen Überraschung erklärt hatte, er wolle seinen Posten zum Juli 2002 niederlegen, um zukünftig mehr Zeit zum Lesen und Wandern zu haben, schossen Gerüchte wie Pilze aus dem Boden - einschließlich voreiliger, aber öffentlichkeitswirksamer Dementi."Ich werde die Scala nicht verlassen, um nach Berlin zu gehen", ließ beispielsweise Riccardo Muti die Italiener wissen - trotzdem zweifelt wohl kaum jemand daran, daß auch Maestro Muti ziemlich schnell seine Koffer packen würde, wenn er tatsächlich nach Berlin gerufen würde.

Eine komfortable Lage für die Musiker.Da mit Absagen nicht zu rechnen ist, brauchen sie bei der Auswahl nichts zu überstürzen.Ebensowenig, wie sie die Profilierungssucht lokaler Kulturpolitiker zu fürchten haben - denn die Philharmoniker entscheiden ganz allein, wer ihr künstlerischer Leiter werden soll.Das heißt, sie legen zuerst fest, in welche Richtung sie sich in den nächsten Jahren entwickeln möchten - und suchen dann einen Dirigenten aus, der sie dabei am besten unterstützen kann."In den Diskussionen, die derzeit innerhalb des Orchesters geführt werden, zählen nicht die großen Namen, sondern allein inhaltliche Überlegungen", macht Peter Riegelbauer vom Orchestervorstand klar.Zusammen mit Rudolf Watzel bildet er das höchste Gremium innerhalb dieser einmaligen, selbstverwalteten "Orchesterrepublik".Auf den Orchestervorstand kommt in den nächsten Monaten also eine diffizile Aufgabe zu - nämlich die Ergebnisse der Diskussionen so zu bündeln, daß schließlich bei der alles entscheidenden Vollversammlung auch der Kandidat das Rennen macht, der am besten zu den Philharmonikern des 21.Jahrhunderts paßt."Darum haben wir in dieser Spielzeit einige Dirigenten eingeladen, die wir interessamt finden, aber noch nicht so gut kennen", erklärt Riegelbauer und nennt Namen wie Simon Rattle, Esa-Pekka Salonen und Ingo Metzmacher.Andererseits sei auch wichtig, daß die vielen neuen, zumeist jungen Musiker auch noch einmal Probenphasen mit langjährigen Pult-Habitués wie James Levine, Lorin Maazel oder Zubin Metha erleben können."Denn", so Riegelbauer, "nicht nur die Schlagtechnik ist bei einem Dirigenten wichtig, sondern vor allem auch, ob die Chemie zwischen uns und ihm stimmt."

Genau in diesem Punkt aber könnte ein Problem auf das selbstbewußte Elitensemble zukommen: der starke Verjüngungsprozeß, den die Philharmoniker in den letzten Jahren vorangetrieben haben, hat das Orchester in zwei Altersgruppen geteilt.Auch wenn die Jüngeren nicht zwangsläufig andere Vorstellungen von der künstlerischen Arbeit haben müssen, könnte es doch sein, daß sie einige der Fragen, die vor der Chef-Wahl geklärt werden müssen, anders gewichten: Wie wollen die Philharmoniker zum Beispiel mit den Herausforderungen der "historischen Aufführungspraxis" umgehen? Soll man es auf dieem Feld bei spannenden Begegnungen mit Meistern der Bewegung wie Harnoncourt oder, seit vergangenem Jahr, Roger Norrington belassen? Lohnt es sich, auf Entdeckungsreise zu gehen oder bleibt man lieber beim Altbekannten? Und wenn ja, will man Beethoven, Brahms, Bruckner und Co.lieber weiterhin im edlen Luxus-Sound spielen oder ist da die Lust auf Experimente? Soll der Chef Claudio Abbados Linie fortsetzen, jede Saison unter einen interdisziplinär zu bearbeitendes Thema zu stellen? Soll er dem Orchester neue Formen der Kommunikation mit dem Publikum vermitteln? Neben der menschlich, allzumenschlichen Frage, ob der "Neue" auch einen guten Schallplatten-Vertrag mitbringt, spielt sich der Prozeß der Entscheidungsfindung auf dieser Ebene ab.Und das ist gut so.

Welches aber sind nun die Dirigenten, die Chancen haben, im September 2002 das Philharmoniker-Podium zu besteigen? Geht man nach der Häufigkeit der Einladungen, gibt es nur einen Spitzenkandidaten, und der heißt Daniel Barenboim: Fünf Mal war er in der vergangenen Saison zu Gast, fünf Mal ist er in dieser Spielzeit eingeladen.Schätzt das Orchester ihn deshalb so sehr, weil der rastlose Vollblutmusiker Barenboim als Künstler den Gegenpol zu seinem bedächtigen Freund Claudio Abbado bildet und damit für heißkalte Wechselbäder im philharmonischen Alltag sorgt? Oder ist da mehr? Theoretisch wäre ein Wechsel Barenboims von der Staatsoper zur Philharmonie durchaus denkbar, läuft doch sein Vertrag als Musikchef Unter den Linden "nur" bis 2001.Andererseits hat der feurige Maestro verlauten lassen, er wolle in absehbarer Frist wieder mehr Zeit für sich, vor allem zu Klavierüben haben.Wie dem auch sei, mit dem schnittigen Mainstreamer Barenboim würden sich die Philharmoniker für einen ebenso sicheren wie konventionellen Weg entscheiden.

Für Schönklang statt Überraschung stehen Namen wie Lorin Maazel und Riccardo Muti, die immer wieder geraunt werden: Gestrenger Partitur-Statiker ohne großen Hang zur interpretatorischen Doppeldeutigkeit der eine, konservativer Selbstdarsteller mit gepflegter Liebe zur Frühromantik der andere, stehen beide mehr für ein Wieder-Anknüpfen an die Karajan-Ära, als für Fortschrittlichkeit im (symphonischen) Denken.

Da ist Simon Rattle aus ganz anderem Holz geschnitzt: Neugierig und weltoffen, ohne Star-Allüren, dafür aber mit englischem Humor, ein Entdeckungsreisender in Sachen Musik, der während seiner Zeit in Birmingham sein Publikum wie sein Orchester gleichermaßen vorangebracht hat, als einziger der ganz Großen ebenso souverän mit alter Musik umzugehen versteht wie mit Mahler oder Messiaen.Zwar heißt es von Rattle, er wolle nach seinem Abschied aus Brimingham vorerst keinen Chefposten annehmen - doch er wäre zweifellos der Kandidat, der Abbados Weg einer intellektuellen Verankerung der Philharmoniker-Programme im geistigen Leben Berlins am anregendsten fortsetzen könnte.

Ebenfalls ein Kopfmensch von Format ist Ingo Metzmacher, derzeit Künstlerischer Leiter an der Hamburgischen Staatsoper und unter den deutschen Jungdirigenten zweifellos der Interessanteste.Nach der Uraufführung von Henzes 9.Sinfonie, für die der Komponist selber den Philharmonikern Metzmacher vorgeschlug, hat das Orchester den 41jährigen in dieser Spielzeit für einen Hartmann / Beethoven-Abend eingeladen - wohl, um seine Qualitäten im Standard-Repretoire zu testen.Wenngleich Metzmacher eher zu den Außenseitern des Kandidatenkreises gehört - einen mutigeren Schritt in Richtung 21.Jahrhundert als mit seiner Wahl könnte das Orchester kaum machen.

Zwei hochkarätige Kandidaten für Kompromißlösungen bei einem drohenden Patt zwischen Traditionalisten und Wagemutigen im Orchester wären schließlich Mariss Jansons und Esa-Pekka Salonen: Der 56jährige Jansons hat sich vor allem als Spezialist für das schwere, spätromantische Repertoire Ruhm erworben.Sensibel und gut ausgehört auch die Arbeiten des eine Generation jüngeren Esa-Pekka Salonen.Seit 1993 leitet der 41jährige Finne, der sich ebenso im späten 19.wie auch im 20.Jahrhundert zu Hause fühlt, höchst erfolgreich das Los Angeles Symphony Orchestra.

Überblickt man die Liste der Kandidaten, fällt auf, daß erstaunlich viele dieser Namen auch schon bei der letzten Chefdirigenten-Wahl 1989 nach Herbert von Karajans unschönem Abschied in der Endrunde waren: Barenboim, Muti und Maazel, ja sogar Simon Rattle wurden im Oktober 1989 als heiße Tips gehandelt.Damals sollte es, nach einer einfachen Mehrheitsabstimmung, Claudio Abbado werden."Diesmal wird es kein k.o.-System geben", verspricht Peter Riegelbauer.Derzeit tüftelt der Orchestervorstand einen Wahlmodus aus, der gewährleisten soll, daß in der entscheidenden Sitzung tatsächlich der Kandidat mit der breitesten Unterstützung unter den Musikern gewinnt.Ende der Saison soll es soweit sein.

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