Kultur : Das Residenzschloss zeigt in seiner neuesten Ausstellung Werke der Jugendstil-Kunst

Nikolaus Bernau

Brutal wird Winnetou auf dem Einband von "W I" als edel-germanischer Abel vom finsteren Kain erschlagen. Nachdem er dann auf den Covers von "W II" und "W III" erst als hilfloser Friedensengel den Palmzweig sinken ließ und dann mit wehendem Haar gen Himmel fuhr, faltet der Held ungezählter Jungenträume auf dem letzten Band unter strahlendem Christenkreuz die Hände züchtig zum letzten Gebet. Die Einbandgestaltungen Sascha Schneiders, eines der bedeutendsten Dresdner Jugendstilmaler und -grafiker, sind ein Dokument der Buchkunst, aber auch eine Illustration der Sehnsucht nach dem edlen Wilden und der Homophilie zum Fin de siècle. Und sie stehen für die seltsame soziale, künstlerische und politische Melange, die um 1900 unterschiedlichste Reformbewegungen hervorbrachte.

Meist werden diese immer noch - obgleich die Forschung längst die Einzelstränge sorgsam präpariert hat - grob unter dem Label "Jugendstil" zusammengefasst. "Jugendstil in Dresden" ist nun das Thema der neuesten Ausstellung des rührigen Dresdner Kunstgewerbemuseums. Im letzten Jahr rekonstruierte es exzellent in den Räumen des Albertinums seine eigene Geschichte als gründerzeitliche Vorbildsammlung für Handwerker und Designer. Nun soll - im Anschluss an ähnliche Ausstellungen in Kassel und Darmstadt zum Münchner und zum hessischen Jugendstil - das lokal-sächsische Ergebnis des in den 1890er Jahren angestoßenen europäischen Reformprozesses gezeigt werden. Opulent ist die Ausstellung in den Räumen des noch immer ruinösen Residenzschlosses untergebracht. Zu sehen ist etwa eine schimmernde Kaminverkleidung aus Messing, die mit dramatischen Drachen und einer finsteren Maske deutlich den Einfluss der damaligen Begeisterung für Hokusais Farbholzschnitte zeigt. Die exquisite Verkleidung stammt aus einem Raum des Rokoko-Schlosses Pillnitz. 1902 wurde er von Gustav Fröhlich mit einer völlig neuen Ausstattung versehen, deren Stuck satt wie Eiscreme an den Wänden tropft. Also eine ganz zeitgemäße Gestaltung im alten Rahmen - heute fast undenkbar für die sächsische Denkmalpflege.

Derzeit herrscht im Schloss Baustopp, denn die Dresdner Museen, die Denkmalpflege und die Ministerien können sich nicht einigen, wie weitergebaut werden soll. Die Museen wollen viel Raum und die Ministerien kein Geld ausgeben, ohne Ruhm zu ernten. Die Kritik an der ausgreifenden Rekonstruktionsbegeisterung der sächsischen Denkmalpflege zeitigt inzwischen Folgen. Sie hat entgegen allen Denkmalpflegedoktrinen im Hof des Schlosses die seit 200 Jahren verlorenen Wanddekorationen "wiederhergestellt", anderenorts originale Bauteile aus dem 19. Jahrhundert abreißen lassen, um einen Turmpavillon aus dem 18. Jahrhundert rekonstruieren zu können.

So blockiert man sich vorerst - zur Freude der Ausstellungsgestalter, wenngleich sie noch mehr mit dem Kontrast zwischen groben Betondecken und zierlichen Jugendstillampen hätten spielen können. Um 1900 war man in Sachsen, einem der Kernländer der deutschen Industrialisierung, wagemutiger. Hinreißende Porzellane, herausragende Möbel, große Mengen von Keramiken - ein witziger Flötenspieler von Ludwig Vierthaler, dem auch ein großer, knallbunter Papagei zu verdanken ist - und Stoffproben unterschiedlicher Fabriken zeigen dies. Silber ist in allen Variationen zu sehen, und neben einem Set schwungvoll gestalteter Nähmaschinen stehen architektonische Fragmente wie prachtvolle Kaminrahmungen aus mit Blumen geschmückten Fliesen. Nur die Reformmode fehlt, ein wenig aufregender Morgenmantel vermag sie nicht adäquat zu vertreten. Und obwohl auch die Architektur nur mit spärlichen Fotosequenz abgehandelt wird, sind doch zwei Keramiksäulen ausgestellt, in schillerndem Glanz von fast orientalischer Pracht. Sie wurden von dem vor allem durch seine heroisierenden Bismarck-Denkmäler bekannten Wilhelm Kreis 1900 für einen Festsaal des Dresdner Odol-Fabrikanten Karl Lingner entworfen; ein versteckter Hinweis auf die changierenden Linien, die zwischen konservativ-teutonischem Gedankengut und der gestalterischen Reform liegen konnten.

Und dennoch: Obwohl das Material für solche, das Bild der frühen Moderne facettenreich gestaltende Hintergrundgeschichten reichlich vertreten ist, viele der über 700 Objekte hinreißend, die Katalogtexte brillant sind - die Ausstellung selbst enttäuscht letztlich. Sie ist geprägt von didaktisch und historisch kaum differenzierter Fülle und ausgeprägtem Dresdner Lokalpatriotismus. Zuletzt ist eben alles "modern" und alles "Jugendstil", was in der Zeit zwischen 1890 und 1910 entstand. Selbst ein vom Münchner Gestalter Adelbert Niemeyer entworfenes, im pfälzischen Oberzwiedelau gefertigtes, zart geschwungenes Gläserset wird "eingemeindet", denn die in Dresden ansässigen Deutschen Werkstätten haben es verkauft. Dauernd wird betont, dass Dresdner Künstler auf dem Weltmarkt immer gut bestanden haben, gestärkt durch das hervorragende lokale Handwerk und die alteingesessenen Firmen. Man fragt sich unwillkürlich, warum es überhaupt Künstler nach Darmstadt, München, ins nicht weiter behandelte Paris, Brüssel, St. Petersburg, Wien oder gar nach Berlin zog; vielleicht genau wegen dieser Elbhügel-begrenzten Sicht der Welt.

Eine Antwort auf die Frage, was denn nun spezifisch Dresdnerischer Jugendstil sei, weisen Firmennamen wie Villeroy und Boch. Denn Dresden war nicht wie Darmstadt oder München Ort einer künstlerischen Gestalterelite, sondern die Stadt, in der der Jugendstil in die Massenproduktion eingeführt wurde. Vielleicht liegt hier die Lösung des lokalpatriotischen Problems: Dresden war eben nicht der Ort der ästhetischen Revolution, sondern von deren konsumgerechter Aufbereitung. Und wer Erfolg haben wollte, verließ die Stadt - wie die "Brücke"-Künstler, wie Riemerschmidt, Behrens oder Bruno Paul. Und meist ging man eben ins konkurrierende Berlin.

Residenzschloss Dresden, bis 5. Dezember.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben