Kultur : Das Rohe und das Gekochte

JÖRG UTHMANN

Während der Stern des Existentialismus sank, stieg am Horizont der geisteswissenschaftlichen Fakultäten der des Strukturalismus steil in die Höhe, gefolgt wiederum von einem dritten Stern, dem Poststrukturalismus.Wo die Grenze zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus verläuft, ist nicht ganz klar, und ebenso unklar ist, wer zu welcher Schule gehört.Claude Lévi-Strauss jedenfalls hielt zu den Denkern, die mit ihm in einen Topf geworfen wurden - Roland Barthes, Jacques Lacan, Louis Althusser, Michel Foucault - Distanz.Den Strukturalismus, den er vertrat, erkannte er in ihrem Werk nicht wieder.Was die berühmten Kollegen trieben, war ihm zu unwissenschaftlich.Dies hatte gewiß auch damit zu tun, daß er lange in Amerika gelebt hatte, wo man die souveräne Verachtung der französischen Intellektuellen für Fakten nicht teilt.

Claude Lévi-Strauss kam am 28.November 1908 in Brüssel zur Welt, wo sich sein Vater, ein Porträtmaler, vorübergehend niedergelassen hatte.Ein Großvater war Rabbiner gewesen, doch die Atmosphäre im Elternhaus war unreligiös.Den größten Teil seiner Kindheit verbrachte Claude im gutbürgerlichen 16.Arrondissement von Paris.Und wie so manch anderer Bürgersohn erlag er den Sirenenklängen des Marxismus.Eine Zeitlang dachte er sogar daran, in die Politik zu gehen.Bei den Kantonalwahlen im südfranzösischen Mont-de-Marsan, wo er am Gymnasium unterrichtete, ließ er sich als Kandidat der Sozialisten aufstellen.Doch beendete ein Verkehrsunfall seine politische Laufbahn, bevor sie begonnen hatte.1934 nahm er einen Ruf an die Universität von Sao Paolo an, die einen Soziologen suchte.In Brasilien entdeckte er etwas, das ihn noch stärker fesselte als die Politik - die Ethnologie und die Anthropologie.Bei den Indianern im brasilianischen Regenwald sammelte er die ersten wissenschaftlichen Daten, die für seine spätere Arbeit so bedeutsam werden sollten.

1939 kehrte er nach Frankreich zurück - wo er als Jude Leib und Leben riskierte.Nach dem débâcle verlor er sofort seine Stelle am Gymnasium von Montpellier.Es folgte die Emigration.Die New School for Social Research in New York, die so vielen deutschen Gelehrten eine neue Heimat bot, bewahrte auch Lévi-Strauss vor einem schlimmen Schicksal.In New York lernte er die Arbeiten des Schweizer Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure kennen, der in allen Sprachen gemeinsame Strukturen entdeckt hatte.Die Suche nach den gemeinsamen Strukturen unter den Völkern wurde das große Thema seines Lebens.Ihm ging es darum, wie er in seinem autobiographischen Reisebericht "Traurige Tropen" (1955) schreibt, "nach den unerschütterlichen Grundlagen der menschlichen Gesellschaft zu forschen".Hatte Rousseau den "guten Wilden" rehabilitiert, so wollte Lévi-Strauss zwischen dem "wilden Denken" der primitiven Völker und dem "domestizierten Denken" der Europäer keine Wertunterschied gelten lassen.In seinem umfangreichsten Werk "Mythologiques" (1964-71), dessen Einzelteile so effektvolle Titel tragen wie "Das Rohe und das Gekochte" oder "Der Ursprung der Tischsitten", sammelte er die Mythen und Riten der südamerikanischen Indianer und versuchte sie in ein System zu bringen.

Mit den Mythen von der "Dritten Welt", denen sich damals die französische (und deutsche) Linke hingab, hatte dies alles herzlich wenig zu tun.Fidel Castro und Ho Chi Minh wurden nicht verehrt, weil sie bodenständige Traditionen pflegten, sondern weil sie sich zur abendländischen Erlösungsreligion des Kommunismus bekannten.Für diese Kreise war die ganz an der Sache orientierte, auf die eurozentrische Perspektive bewußt verzichtende Forscherarbeit des Mannes, der 1959 die höchste Stufe der akademischen Leiter, das Collège de France, erklommen hatte, befremdliche Faktenhuberei, wenn nicht gar Schlimmeres.Umgekehrt sah Lévi-Strauss mit Unwillen, wie der Strukturalismus politisiert, instrumentalisiert und vulgarisiert wurde.Über die Unruhen im Mai 1968 äußerte er sich mit schroffer Abwehr.Unterschriftensammlungen verweigerte er sich; der Presse ging er nach Möglichkeit aus dem Wege.Vor einigen Jahren stellte er auch seine Vorlesungen am Collège de France ein.Aber er ist, wie man hört, bei guter Gesundheit.Als François Mitterrand seinem staunenden Volk enthüllte, daß er in Bigamie lebte, mag sich der Ethnologe daran erinnert haben, daß die Nambikwara-Indianer im brasilianischen Hochland ihrem Häuptling das Privileg der Polygamie zubilligen.Doch behielt er die Erinnerung für sich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben